Aussegnungshalle mit Ehrenhof | © BJ. Lattner

Ein Tempel des Abschieds von den Toten und Ehrenmal für den Ersten Weltkrieg

Heute vor hundert Jahren wurde die Aussegnungshalle auf dem Backnanger Stadtfriedhof eröffnet

Eine der Hauptalleen des Backnanger Stadtfriedhofs führt zu einem Gebäude, das als Aussegnungshalle den Rahmen für Feiern des Abschieds von den Toten bildet. Der Bau war ursprünglich auch für das Angedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs gedacht. Das wird im von zwei überdachten Gängen flankierten Vorhof deutlich, in dem Platten mit den Tafeln mit den Namen der Gefallenen angebracht sind. Mit dem Eisernen Kreuz im Giebel des Gebäudes wurde dieses Gedenken durchaus pathetisch inszeniert. Die Inschrift „Treu bis in den Tod“ meint aber nicht nur die Soldaten und war wohl auch eine Spitze gegen politische Kreise der 1920er-Jahre sondern richtet sich durch seinen Bezug auf die Offenbarung des Johannes an alle Christen.

Der Gebäudekomplex aus Ehrenhof, Aussegnungshalle und Leichenhaus ist ein wichtiges Bauwerk der 1920er-Jahre in Backnang. Der in Bad Cannstatt lebende Architekt Wilhelm Friedrich Schuh entwarf es in einer konservativen Architektursprache. Die Baugruppe erinnert mit den flach geneigten Dächern an spätantike Architekturen. Die Halle selbst zitiert eine frühchristliche Basilika, woran auch der seitlich mit Pfeilerhallen geschlossene Vorhof erinnert. Daneben sind auch gotische und sogar barocke Zitate eingebaut.

Als die Aussegnungshalle am 29. November 1925 übergeben wurde, fand eine bewegte Entstehungsgeschichte ein glückliches Ende, denn fast wäre das Projekt in der verwickelten Zeit gescheitert.

Schon im Ersten Weltkrieg kam in Backnang der Wunsch nach einem Denkmal für die gefallenen Soldaten auf. Nach Kriegsende ergriff der Kriegerverein die Initiative. Ein Ausschuss wurde geschaffen, um ein Kriegserinnerungszeichen zu schaffen. Grundlage war, ein Denkmal zu schaffen, das nicht prunkvoll oder theatralisch pompös wirkt und an einem Platz in der Innenstadt zu stehen kommen sollte. Doch die Standortfrage bereitete dem Denkmal-Ausschuss erhebliche Schwierigkeiten. Auch die Vertreter des Verschönerungsvereins und des Bunds für Natur- und Heimatschutz hatten eigene Meinungen. Zur Diskussion standen der Schillerplatz, der Vorplatz des Mädchenschulhauses, der Freithof, der Stiftshof, die Südseite der Stiftskirche und der Markplatz. In der Bürgerschaft, besonders bei ehemaligen Soldaten, gab es auch die Idee, das Denkmal in der Nähe des entsprechenden Gräberfelds im Stadtfriedhof zu errichten. Doch war in diesem Feld kein Platz für ein Denkmal.

Im November 1921 kam dann der Gedanke auf, das Denkmal zusammen mit dem dringend benötigten Leichenhaus zu gestalten. Der Entwurf des Architekten Wilhelm Friedrich Schuh vom Frühjahr 1922 fand allgemeine Zustimmung und wurde vom Gemeinderat am 23. März 1922 einstimmig zur Ausführung bestimmt. Die Finanzierung schien gesichert, da die Hälfte der veranschlagten Kosten durch Stiftungen bereits gedeckt war. Der Bau sollte zur Hälfte aus Spenden finanziert werden: die Stadt das Leichenhaus, die Bürgerschaft Gedächtnisstätte und Halle. Wenige Tage später dann der Schock: im neuen Kostenvoranschlag hatten sich die Baukosten verdoppelt und waren auf 1,2 Millionen Mark hochgeschnellt, wie Stadtschultheiß Dr. Albert Rienhardt dem Gemeinderat am 23. März 1922 mitteilen musste. Trotzdem sollte die Stadtkasse mit höchsten 100.000 Mark belastet werden. Denn es seien immerhin schon 500.000 Mark an Spendengeldern gesammelt worden. Die Bauausführung fiel dann genau in die Inflationszeit. Immerhin kamen durch weitere Spenden bis September insgesamt 815.000 Mark zusammen. Im Frühjahr 1923 wurde der Weiterbau durch die Geldentwertung eingestellt. Die Inflation hatte die Spendengelder aufgefressen und die Stadt konnte erst einmal keine weiteren Mittel aufbringen. Immerhin war im April 1923 das Leichenhaus fertig.

Da es im Sommer 1923 so aussah, als wäre die Fertigstellung des Kriegerehrenmals auf dem Stadtfriedhof aus finanziellen Gründen gescheitert, entschloss sich der Backnanger Lederfabrikant Fritz Schweizer, dem Kriegerverein ein Kriegerdenkmal zu stiften. Dieses Denkmal wurde 1924 vor dem Turmschulhaus aufgestellt. Dadurch erübrigte sich die eigentlich vor der Aussegnungshalle vorgesehene Figurengruppe.

Bis 1925 blieb der nicht fertiggestellte Rohbau der Aussegnungshalle ohne Dach stehen. Am 5. März 1925 beschloss der Gemeinderat den Weiterbau. Am 29. November 1925, damals ein Sonntag, wurde der Bau festlich eingeweiht.

Ausführlich wird die Geschichte der Aussegnungshalle im neuen Buch „Der Backnanger Stadtfriedhof“ von Bernhard J. Lattner und Klaus J. Loderer beschrieben und ist erhältlich bei der Backnanger Buchhandlung Osiander.

Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer