Irrfahrt mit der Murrbahn – Bahnstrecke wegen S-Bahn-Surfern mehrere Stunden gesperrt
Backnang und die Eisenbahn – Protokoll über eine Tragik-Komödie auf unbestimmte Zeit – 4. Teil
Die Eisenbahnverbindungen zwischen Backnang und Stuttgart sind gerade nicht so, dass man freiwillig mit dem Zug fährt. Aber die über Marbach umgeleiteten Regionalexpress verleiten einen dann doch, da sie nur eine halbe Stunde benötigen. Also mache ich mich am dritten Advent, 14. Dezember 2025, auf nach Stuttgart. Um dort nicht die Strapazen des Fernwanderwegs zwischen dem Hauptbahnhof und der Stadt auf mich nehmen zu müssen, steige ich in Marbach in die S 4 um. Das funktioniert sogar. Ich komme wie geplant in Stuttgart an. Das hätte mir eine Warnung sein sollen, denn dass Hin- und Rückfahrt funktionieren, das ist gerade eher unwahrscheinlich.
Für die Rückfahrt besteige ich in Stuttgart den MEX 90 Richtung Schwäbisch Hall-Hessental, der den Hauptbahnhof um 17:45 Uhr verlässt. Der Zug ist gut gefüllt, darunter einige Grüppchen, die nach ihrer guten Laune wohl auf dem Weihnachtsmarkt waren. Der Zug soll um 18:14 Uhr in Backnang ankommen. Soweit die Fiktion. Die Realität sieht dann so aus, dass kurz vor Marbach am Neckar die Durchsage kommt, dass der Zug wegen eines Polizeieinsatzes bei Benningen nicht weiterfahren könne, weil die Strecke gesperrt sei. Nach etwas Wartezeit fahre der Zug dann nach Freiberg am Neckar zurück, damit man sich auf den Bahnsteig die Füße vertreten könne. Das geschieht dann auch. Prognostizierte Wartezeit: eine halbe Stunde. Wer eine schnellere Verbindung nehmen möchte, könne ja umsteigen, so der Fahrer. Schnellere Verbindung? Ab Freiberg? Mit dem Ziel Schwäbisch Hall könnte man natürlich mit dem Bus nach Bietigheim-Bissingen fahren, von dort einen Zug nach Heilbronn nehmen und dort Richtung Schwäbisch Hall umsteigen. Oder man könnte mit der S 4 nach Stuttgart zurückfahren, von dort den Bus nach Waiblingen nehmen und dann mit der S 3 nach Backnang gelangen. Geschätzte Fahrtzeit: derzeit vermutlich so gegen zwei Stunden.
Der Zwischenhalt in Freiberg am Neckar zieht sich hin
Ich entschließe mich für Warten. Der Bahnhof in Freiberg ist ja eigentlich ein schönes Ensemble mit Empfangsgebäude, Güterschuppen und einem historischen Stellwerk. Allerdings hatte ich bei früheren unfreiwilligen Aufenthalten und entfallende S-Bahnen schon mehrfach Gelegenheit, die Architektur in und um den Bahnhof Freiberg zu studieren. Immerhin gibt es dort ein offenes Bücherregal.
Auf der Bahn-App verfolge ich die Situation. Diese hält die Reisenden auf dem Laufenden. Irgendwann bleibt allerdings die Ankunftszeit für Marbach auf 19:10 Uhr stehen. Man kann dann beim nachfolgenden Zug bemerken, dass er schon in Marbach angekommen sein soll. Hat er uns unbemerkt überholt? Nein, die App weiß wie so oft einfach nicht, wo der Zug ist. Zwischendurch kündigt der Fahrer an, dass der Zug bei großer Verspätung wieder nach Stuttgart zurückfährt. Das traut man der Bahn zu. Die Weihnachtsmarktgruppen beschließen lautstark, dass sie den nächsten Ausflug nicht mehr mit der Bahn machen.
Immerhin vermerkt die App den Zusatzhalt Freiberg am Neckar. In grüner Farbe die Ankunft: 17.57 Uhr, in roter Farbe aktualisiert auf: 18:03 Uhr. Das bleibt so stehen, bis der Zug schließlich losfährt. Das ist laut App um 19:39 Uhr. Der Fahrer informiert darüber, dass der Zug wegen der großen Verspätung nur bis Backnang fahre. Der nachfolgende RE 90 komme direkt danach. Die Reisenden nach Backnang, Oppenweiler, Sulzbach, Murrhardt usw. sollen in Marbach in den nachfolgenden Zug umsteigen.
Dann geht es in Schrittgeschwindigkeit los. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht der Zug dann Marbach am Neckar. Dort steigen die meisten Fahrgäste aus. Die letzte Durchsage des Fahrers hat für Verwirrung gesorgt. Es ist der Eindruck entstanden, dass der Zug nicht nach Backnang fahre. Auch eine Weihnachtsmarktgruppe steigt aus. Auf dem Bahnsteig stellt sie fest, dass der Zug ja doch bis Backnang fährt. Ein Teil der Gruppe steigt schnell wieder ein, ein paar Personen bleiben draußen.
Auf der Weiterfahrt steigt die Laune bei den Weihnachtsmarktbesuchern. Die Nachricht macht die Runde, dass der VfB gewonnen habe. In Burgstall gibt es dann noch einen kleinen Aufenthalt, damit der Gegenzug nach Stuttgart durchkommt. Da toben die jubelnden Fußballfans so heftig, dass der Fahrer drohend durch den Zug ruft. Um 20.15 Uhr erreicht der Zug Backnang auf Gleis 2. Summa summarum: zweieinhalb Stunden Fahrtzeit von Stuttgart nach Backnang. Auf Gleis 4 stehen die Reisenden Richtung Nordosten. Auf diesem Gleis ist übrigens die elektronische Anzeige ausgefallen.
S-Bahn-Surfer waren wohl die Ursache
Ursache der massiven Zugausfälle und Verspätungen im Umfeld von Marbach und des Polizeieinsatzes war der Hinweis, dass bei der S 4 in Freiberg am Neckar zwei Personen außen den Zug aufgestiegen sind. Es handelt sich um sogenannte S-Bahn-Surfer. Sie fuhren vermutlich auf dem Zug bis Benningen mit. Dort fand die Polizei allerdings bei ihrem Eintreffen niemanden mehr vor. Da die Sache nicht zuletzt wegen der Oberleitungen ziemlich gefährlich ist und es hätte sein können, dass die beiden Unbekannten auf der Strecke verunglückt sind, wurde die Bahnstrecke zwischen Freiberg und Benningen durch Kräfte der Landes- und Bundespolizei abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Durch die für die polizeilichen Maßnahme erforderliche Streckensperrung kam es zu erheblichen Ausfällen im S-Bahn- und Verspätungen im weiteren Zugverkehr.
Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer