Vom Gerberhaus zur Lederfabrik
Ausstellung „Gerben in Backnang“ im Technikforum Backnang
Ein Schwerpunkt des Technikforums, dem Backnanger Museum zur Industriegeschichte, ist die Gerberei. In der Dauerausstellung sind die Maschinen zu sehen, die früher zur Herstellung von Leder genutzt wurden. Kuratorin Antje Hagen hat diese nun um eine Sonderausstellung ergänzt, die einen historischen Überblick zur Gerberei in Backnang gibt. Mit viel historischen Bildern und Dokumenten zeigt die bis zum 31. März 2026 im ersten Stock des Technikforums zu sehende Ausstellung den Übergang von der handwerklichen Gerbung zur industriellen Lederherstellung im 19. Jahrhundert.
Die Ausstellung beginnt mit einer Stadtansticht Backnangs aus dem späten 17. Jahrhundert. Andreas Kieser wählte dafür den Blick vom Hagenbach über das Murrtal. Dieser Blick ermöglichte es ihm, die gesamte damalige Stadt zu erfassen. Diese Stadtansicht findet man im ersten Kapitel der Ausstellung durch die Jahrhunderte. Auch die Zeichner des 19. Jahrhunderts wählten diesen Blick und ebenso der Fotograf, der in den 1870er-Jahren das erste Stadtpanorama aufnahm. Damals ging die Stadt schon nicht mehr komplett auf das Bild durch die industriell geprägten Stadterweiterungen. Das Stadtbild Kiesers scheint auf den ersten Blick noch fast unverändert vorhanden zu sein, auch wenn ein Stadtbrand und der Abbruch der Tortürme dazwischenliegen. Antje Hagen hat diese Bildfolge zusammengestellt, da man das historische Viertel der Gerber an der Murr, den sogenannten Biegel, detailliert erkennen kann. Die Fotos des 20. Jahrhunderts zeigen, wie sich im Biegel eine Lederfabrik immer weiter ausbreitet. Die Giebelhäuser werden nach und abgerissen. Doch auch die Lederfabrik Carl Kaess wurde im späten 20. Jahrhundert restlos getilgt, um Platz für ein komplett neues Viertel zu machen. Ein Foto zeigt eindrucksvoll, wie das gesamte Gelände abgeräumt ist. Nur das alte Wohnhaus der Familie Kaess, ein eindrucksvolles Jugendstilgebäude, ragt einsam aus der Abbruchwüste heraus. Aber es wurde dann auch abgerissen.
Unterlagen aus dem Stadtarchiv, etwa historische Protokollbücher der Gerberzunft, liegen in Vitrinen aus. Um die Organisation der Gerbermeister in Zünften geht in der Fortsetzung der Ausstellung. Aus einer Gewerbeordnung aus dem 18. Jahrhundert erfährt man von Rotgerbern, die auch Lederer genannt wurden. Die Mitgliedschaft in einer Zunft war damals vorgeschrieben. Ebenso war die Größe des Betriebs festgelegt. Ein Zeitungsausschnitt vom 16. Dezember 1859 kündigt etwa eine Meisterprüfung an. Die Gesellen mussten auf Wanderschaft gehen. Das kennt man heute etwa noch von Zimmerleuten. Umgekehrt kamen dadurch auch fremde Gesellen nach Backnang. Diese brachte die Zunft zeitweilig im Gasthof Krone unter. Dieser Gasthof befand sich an der Aspacher Brücke in einem längst abgerissenen markanten Gebäude.
Da Wasser eine wichtige Rolle in der Gerberei war und ist, kam der Murr eine besondere Rolle zu. Der Biegel entwickelte sich durch seine Nähe zur Murr zum ersten Gerberviertel in Backnang. Die Gerber konnten direkt vor ihren Häusern die Häute in der Murr wässern. Außerdem benötigten sie Wasser in den Gerbgruben. Die Ausstellung stellt auch typische Gerberhäuser vor. Die offenen Galerien dienten zum Trocknen des Leders. Eine besondere Bauform war der Lohkässtand. Das war, wie auf den ausgesellten Bauplänen zu sehen ist, ein überdachtes Holzgerüst, in dem die zu Barren gepresste Lohe getrocknet wurde. Diese konnte man schließlich zum Heizen verwenden. Bei der Lohe handelte es sich um Rindestückchen. Die darin enthaltenen Gerbstoffe waren die Grundlage für die klassische handwerkliche Gerbung.
Vorbereitet wurde die Lohe in der Lohmühle. Die letzte, allerdings nicht mehr genutzte Lohmühle ist in der Fabrikstraße erhalten. Die Ausstellung geht auf sechs Lohmühlen ein, die zu verschiedenen Zeiten in Betrieb waren.
Vor der Ausrichtung eines zweimal pro Jahr stattfindenden Ledermarkts in Backnang ab 1868 war der Heilbronner Ledermarkt wichtig für die Backnanger Gerber. Beim Thema Ankauf von Häuten und Vermarktung des Leders ist die Eisenbahn wichtig. 1876 erhielt Backnang Anschluss an das Bahnnetz. Die Ausstellung zeigt deshalb das in den 1970er-Jahren abgerissene Empfangsgebäude des Backnanger Bahnhofs. Eindrucksvoll sind in der Ausstellung die Nachweise für Backnanger Leder auf Gewerbeausstellungen oder gar der Wiener Weltausstellung 1879.
Die Ausstellung geht auf die Vergrößerung der Betrieb im 19. Jahrhundert nach der Einführung der Gewerbefreiheit ein. Stolz zeigen die Unternehmer Ansichten ihrer Fabriken im Briefkopf. Ein Foto zeigt eindrucksviel die Vielzahl an Gerbgruben in einer Backnanger Fabrik. Man erfährt von harten Arbeitsbedingungen mit einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag. Es geht um Abwasserprobleme und Brände in Fabriken. Die Ausstellung zeigt die Ruinen von abgebrannten Lederfabriken an der Bleichwiese und in der Gartenstraße. Ein Nebenprodukt der Lederindustrie ist ein Bad mit medizinischer Wirkung: so sieht man die Eröffnungsanzeige für Friedrich Ecksteins Elektro-Loh-Tannin-Bad in der Schillerstraße. Die Ausstellung erinnert an die Stiefel aus Backnanger Leder für den Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck zu dessen 70. Geburtstag 1885 oder das Löwenfell für den äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Mit seinen zahlreichen Lederfabriken bewirbt sich Backnang zeitweilig sogar als „süddeutsche Gerberstadt“, wie ein aus Holz geschnitztes Ortsschild beweist. Die rauchenden Schlote hinter dem Gerber galten damals als Zeichen für prosperierende Wirtschaft.
Link zum Förderverein Technikforum Backnang e. V.
Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer