1925 Aussegnungshalle, Stadtfriedhof | © BJ. Lattner

Architektur in Backnang

1920er-Jahre in Backnang – Teil 1

Um der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg in der jungen Weimarer Republik abzuhelfen, wurde 1919 in Backnang eine Baugenossenschaft gegründet. Allerdings behinderten Preissteigerungen die schwierige Gründungsphase. Erst nach der Vergabe von verbilligten Baudarlehen durch das Reich, konnte die Baugenossenschaft 1920 mit dem Bau zweier Sechsfamilienhäuser in den Etzwiesen beginnen.

Der Bau des Postamts in der Bahnhofstraße zog sich durch den Ersten Weltkrieg und die folgende Inflation über Jahre hin. Konstruktiv war das 1921 eröffnete Postamt (Architekt Martin Mayer, Stuttgart) durch neue Bautechniken wie Stampfbeton modern, bezog sich aber in seiner traditionalistischen Gesamterscheinung auf die Zeit um 1800. Herrschaftliche Bauten dieser Zeit waren auch Vorbilder für Rudolf Häusers effektvoll über dem Murrtal thronenden Villa des Hofguts Hagenbach, die, kleiner als 1919 geplant, 1921 nach Plänen des Architekten Franz Eble aus Schwäbisch Hall errichtet wurde, und der 1922 entstandenen Villa Kaess (Architekt Friedrich Haußer, Ludwigsburg). Mit dem Bau der Lederwerke entstand in der Unteren Au 1922 ein großer Industriekomplex (Architekten Georg Stahl und Arthur Bossert, Stuttgart). Es war die Initiative des Lederfabrikanten Fritz Schweizer, die der Stadt einen neuen Konzert- und Theatersaal bescherte, indem er das Bahnhofhotel erwarb und 1922 – 1923 umbauen und um einen großen Saal erweitern ließ (Architekten Wilhelm und Hermann Schneider, Kornwestheim). Dessen Fertigstellung verzögerte sich durch die starke Inflation immer wieder.

Überhaupt behinderte die starke Geldentwertung zu Beginn der 1920er-Jahre die Bauwirtschaft massiv. Die Hyperinflation 1923 vernichtete etwa das angesammelte Spendenvermögen zum Bau einer Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Ausgeführt wurde die Kriegergedächtnishalle auf dem Stadtfriedhof deshalb erst 1925. Deren Architekt Wilhelm Friedrich Schuh aus Bad Cannstatt war in Backnang bereits durch die 1912 von ihm geplante Villa Adolff bekannt. Schuh entwarf 1922 für Carl Kaelble und 1925 für Hermann Kaelble Landhäuser an der Aspacher Straße, mit denen er eine neue Form herrschaftlichen Wohnbaus nach Backnang brachte, indem er Baugruppen schuf, die Wohnhaus und Garagen zusammenfassten. Mit dem 1924 eröffneten Bezirkskrankenhaus erhielt das am Südrand der Stadt entstehende neue Wohnviertel eine zentrale Einrichtung. Es waren besonders die Dachformen wie Walmdach, Satteldach und das immer noch beliebte Mansarddach, die im Kleinhaus wie bei größeren Wohnhäusern das Erscheinungsbild ausmachten. Gesimse, Sprossenfenster und Fensterläden waren weitere Elemente der oft schlicht gehaltenen, verputzten Häuser.

1928 Evangelischmethodistische Zionskirche, Albertstraße | © BJ. Lattner

 

Gleichzeitig mit der Weißenhofsiedlung entstanden in Backnang 1927 mit dem Wohnhaus von Stadtbaumeister Otto Weber und dem Neubau der Layherschen Mühle (Baumeister Hermann Freitag) eher traditionelle Bauten. Auch die vom Korntaler Architekten Fritz Hornberger 1927 entworfene Villa Hermann Hefelen auf dem Hagenbach gehört mit ihrem hohen Walmdach zu den klassischen Villenbauten. Als späten Ausläufer der Neugotik kann man die 1928 errichtete Evangelischmethodistische Zionskirche in der Albertstraße betrachten (Architekt Karl Kress, Backnang).

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Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer