Backnanger Ziegelbauwerke im Wandel der Zeit | Teil 2
Jenseits von Mode und Zeitgeschmack von Prof. Arno LedererÂ
Fortschrittlich und innovativ: zwei Worte, die in keinem Prospekt eines Immobilienunternehmens fehlen dĂŒrfen. Wer bauen will, als Unternehmer, als Bauherrschaft, als Architektin oder Architekt, wird mit einer erdrĂŒckenden Menge von Materialien umworben, die allesamt mit dem PrĂ€dikat der Innovation und dem damit verbundenen Fortschritt angepriesen werden.
TatsĂ€chlich ist die Zahl neuer und bislang unbekannter Materialien, die das Bauen bestimmen, Ă€uĂerst gering. Die Kuppel des Pantheon ist aus Beton, die Sainte Chapelle bewundern wir wegen ihrer Buntglasfenster, die den gröĂten Teil der Fassade ausmachen. Holz, Naturstein und Ziegel: nichts davon ist neu, nichts veraltet. Was das Mehl schon immer fĂŒr den Teig, der Baumwollstoff fĂŒr die Kleider ist, ist der Ziegelstein fĂŒr das Haus.
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Seit vielen Jahrtausenden gibt es GegenstĂ€nde, die man grundsĂ€tzlich nicht verbessern kann. Geniale Erfindungen, die vielleicht in ihrer GröĂe, ihrer Stofflichkeit zu bestimmten Zeiten leicht variiert wurden, die aber im Prinzip von Anbeginn sich nicht verĂ€ndert haben. Backstein: gerade so groĂ, um ihn mit der einen Hand zu halten, mit der anderen Hand den Mörtel, auf dem er sitzen soll, zu verteilen. Hohe Festigkeit, als Klinker witterungsbestĂ€ndig, als einfacher Mauerziegel wĂ€rme- und kĂ€ltespeichernd, Luftfeuchtigkeit aufnehmend und abgebend, und vieles mehr. BewĂ€hrt seit ĂŒber 6.000 Jahren, und sicher noch ein paar hundert oder tausend Jahre im Gebrauch.
Wir sehen Ziegelsteine als ein Material, das neben den technischen VorzĂŒgen auch eine hohe Ă€sthetische QualitĂ€t hat. FĂŒr seine Erfinder spielte das Aussehen ĂŒberhaupt keine Rolle. Das Ergebnis der Formfindung beruht auf dem Ausgangsstoff, dessen Verarbeitung und dem FĂŒgen des gebrannten Materials im Verband. Mauern, die damit errichtet werden, können viele hundert Jahre alt sein. Dann, nach langer Zeit, erhĂ€lt jeder Stein eine individuelle FĂ€rbung. Beide UmstĂ€nde, die der Formgebung, aber auch die der FĂ€higkeit, gut zu altern, empfinden wir als schön. Das gilt fĂŒr den sichtbar vermauerten Stein ebenso wie fĂŒr Dachziegel.Â
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Mit der Ălkrise und unter den zunehmenden Anforderungen hinsichtlich des Energieverbrauchs verschwanden Ziegelsteine, deren ZuschlĂ€ge die WĂ€rmedĂ€mmung verbessern helfen, hinter Putzschichten, die die eigentliche Konstruktion verbergen. Dennoch betrachtet man auch diejenigen GebĂ€ude, deren Ă€uĂere Schale sichtbar vermauert ist, als ein Ziegelbau. Wir stören uns nicht daran, ist doch diese Art der Vormauerung nicht nur robust, pflege gleicht, dauerhaft und altert sehr schön.
Seit vielen Jahren planen und bauen wir eine Vielzahl unserer GebĂ€ude mit sichtbar vermauerten Fassaden aus Ziegelsteinen. Wenn das Budget eng ist, suchen wir nach dem Stein, der auf dem Markt gerade der preisgĂŒnstigste ist. Mit der Verarbeitung der Fugen, deren Farbe, Verarbeitung oder Dicke, können wir mit dem Material, das auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz den Geschmack trifft, gut gestaltete WĂ€nde errichten. Denn es ist nicht nur der Stein, der die gute Gestalt ausmacht, es ist das Zusammenspiel von Fuge und Stein. Inzwischen vermauern wir, wenn es die Bauherrschaft mittrĂ€gt, gebrauchte Ziegel aus AbbruchgebĂ€uden. Der Gedanke, aus GrĂŒnden der Nachhaltigkeit Baumaterial wiederzuverwenden, beschĂ€ftigt uns seit den Neunziger Jahren. Altziegel sind keine Recycleware. Sie mĂŒssen nicht einem industriellen Prozess zugefĂŒhrt werden. Sie haben alle jene positiven Eigenschaften, die wir eingangs aufgefĂŒhrt haben und: sie sind sehr schön.
Redaktion backnang.online