Rems-Murr-Kreis: Fast 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen psychisch krank
AOK-Auswertung: prozentuale Erkrankungszahl 2024 im Kreis auf Landesniveau – aber deutlich höhere Steigerungsrate
Die Zahlen sind alarmierend: Laut dem Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit leiden bis zu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland an einer psychischen Störung. Diese wirkt sich häufig auch auf die körperliche Gesundheit sowie auf die schulische und berufliche Entwicklung aus.
Die AOK Baden-Württemberg hat aktuell eigene Krankheitsdaten ermittelt: Im Land waren 2024 über 165.000 Kinder und Jugendliche im Alter bis 19 Jahre von einer offiziell dokumentierten psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht einem Anteil von 17,6 Prozent. Zwischen 2020 bis 2024 ist die Zahl der Erkrankungen jährlich im Durchschnitt um 4,3 Prozent gestiegen.
Für den Rems-Murr-Kreis ergibt sich dieses Bild: 2024 waren 6.151 Versicherte bis 19 Jahre psychisch erkrankt. Damit liegt der Anteil in dieser Altersgruppe ebenfalls bei 17,6 Prozent. Von 2020 bis 2024 haben sich die Zahlen um jährlich durchschnittlich 7,5 Prozent erhöht. Zum Vergleich der Landkreis Ludwigsburg: Hier waren 15,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Dies entspricht einer Steigerung von sieben Prozent. Mit rund 58 Prozent überwiegt im Rems-Murr-Kreis der Anteil männlicher Versicherter, die in jungen Jahren an einer psychischen Erkrankung leiden.
Zu den psychischen Störungen, die im Kindes- und Jugendalter auftreten können, zählen unter anderem Depressionen, Angstzustände, Sozialverhaltensstörungen, ADHS, Ess-Störungen und Schizophrenie. Das Risiko, dass psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter chronisch werden und Betroffene Begleiterkrankungen entwickeln, ist hoch. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Störungen bleiben auch im Erwachsenenalter auffällig.
„Jungen sind bis zur Pubertät stärker gefährdet, danach sind Mädchen häufiger betroffen. Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien erkranken zudem häufiger. Und der Trend zeigt leider weiter nach oben“, sagt Sandra Goal, Präventionsexpertin bei der AOK Baden-Württemberg mit einem Bachelor of Science in Angewandter Psychologie.
Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein: „Wir erleben eine Zunahme globaler Krisen, die auch auf Kinder und Jugendliche massiv einwirken: Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, die Klimakrise. Auch die Covid-19-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Hinzu kommt die Digitalisierung mit ihrem hohen Medienkonsum und die damit verbundenen Zukunftsängste vieler junger Menschen“, erklärt die AOK-Expertin.
Die ersten Anzeichen einer psychische Störung sind oft unspezifisch: Schlafstörungen, innere Unruhe, körperliche Beschwerden wie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen. Auch eine Verschlechterung der Konzentration und damit der schulischen Leistungen ist häufig zu beobachten. Generell sollten Erwachsene aufmerksam werden, wenn Freude, Lachen und Spaß verloren gehen, wenn sich ein Kind sozial zurückzieht oder wenn sich das Essverhalten verändert. Das Schlüsselwort ist: Veränderung. Wenn ein Kind plötzlich nicht mehr so ist wie sonst, sollte man genau hinschauen und das Gespräch suchen.
Ein wichtiger Schutzfaktor vor einer psychischen Erkrankung ist die sogenannte Resilienz. Gemeint ist die seelische Stabilität oder psychische Widerstandsfähigkeit, die einen erfolgreichen Umgang mit Belastungen und schwierigen Lebenssituationen ermöglicht. Sandra Goal führt aus: „Es geht darum, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und soziale Ressourcen zu meistern und sogar als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Resilienz ist nicht angeboren oder konstant, sondern ein dynamischer, kontextabhängiger Anpassungsprozess.“
Ob Kinder oder Jugendliche resilient sind, zeigt sich beim achtsamen Beobachten: Resiliente Menschen sind gelassener, handeln lösungsorientiert, lernen aus Fehlern und nutzen diese Erfahrungen. Sie können ihre Emotionen regulieren, zeigen Optimismus, pflegen stabile Beziehungen, sind konfliktfähig, holen sich Unterstützung und blicken mutig und lebensfroh nach vorne.
Zur Förderung der Widerstandskraft sollten Eltern ihre Kinder begleiten, Vorbild sein und ermutigen. „Wichtig ist: Nachfragen, unterstützen, aber auch ausprobieren lassen. Kinder brauchen Bestärkung, Sinnvermittlung, Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Sie sollten lernen, mit Konflikten umzugehen, zu kommunizieren, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Lassen Sie Ihre Kinder selbst Lösungen finden – das stärkt enorm. Nutzen Sie auch die Früherkennungsuntersuchungen und tauschen Sie sich mit anderen Personen im Netzwerk Ihres Kindes aus“, empfiehlt die Präventionsexpertin.
Weil bei Kindern und Jugendlichen die Grenzen nicht leicht zu erkennen sind, wann ein ärztlicher Beratungs- und Behandlungsbedarf entsteht, sei die Einhaltung der Vorsorgeuntersuchungen gerade im Jugendalter sehr wichtig.
Quelle: AOK – Die Gesundheitskasse Ludwigsburg-Rems-Murr Pressestelle
Redaktion backnang.online