Hochwasser und eine Tote in der Murr
Vor 150 Jahren in Backnang – Teil 10
Anfang Februar 1876 gab es Schneefall. Das wurde in der Stadt freudig aufgenommen. Die geschlossene Schneedecke wurde zu Schlittenfahrten genutzt. Der Männer-Liederkranz unternahm am 8. Februar 1876 eine Fahrt nach Winnenden. Aus Großbottwar kam an diesem Tag eine Schlittenpartie mit Kapelle nach Backnang und besuchte den Gasthof zur Post. Am 10. Februar fuhr der Kriegerverein Backnang nach Murrhardt, um in der Sonne Post zusammen mit dem dortigen Kriegerverein ein geselliges Beisammensein zu genießen.
Schnee schmilzt irgendwann. Das geschah ein paar Tage später. Das Wetter wurde milder und Schneeschmelze in Kombination mit Regen war im Murrtal schon immer problematisch. Das Hochwasser blieb nicht aus. Eine schockierende Entdeckung wurde an der Aspacher Brücke gemacht: „Backnang, den 16. Febr. An der Brücke gegen Großaspach wurde heute Mittag am Eisbalken eine Frauensperson entdeckt, welche von der hochangeschwollenen Murr angespült war. Dieselbe wurde sofort mittelst herbeigebrachten Hacken dem Ufer zugezogen und Belebungsversuche angestellt; der Tod war jedoch schon eingetreten. Von den Anwesenden erkannte die Unglückliche Niemand.“ (Der Murrthal-Bote 17. Februar 1876). Sie wurde schließlich als eine aus Kleineislingen stammende Fabrikarbeiterin identifiziert.
Die Zeitung „Der Murrthal-Bote“ berichtete am 19. Februar 1876 dramatisch: „Murrhardt, den 17. Febr. Durch den raschen Schneegang ist die Murr zu einer bei den Regengüssen des letzten Sommers kaum erreichten Höhe angestiegen. Den höchsten Stand zeigte sie diesen Vormittag etwa um 10 Uhr und ist seit Mittag in der Abnahme begriffen. Bald darauf kam das Hochwasser auch in Backnang an: „Backnang, den 18. Febr. Colossale Wassermassen wälzten sich seit gestern Morgen durch unser Thal, immer steigend und eine höhe erreichend, wie wir schon lange keinen Murraustritt mehr zu schauen hatten. Die Keller in den, dem Ufer nahe liegenden Häusern mußten entleert, die Fässer gesprießt, gegen Mittag selbst die Parterrestöcke geräumt und verlassen werden. In den Gerbereien hat diese Ueberschwemmung wieder großen Schaden angerichtet und der gleich hohe Wasserstand bis zum heutigen Morgen wird auch den andern Wohngebäuden erheblich zugesetzt haben. Der strömende Regen vergangener Nacht hat diesen Vormittag lieblichem Sonnenschein Platz gemacht und mit jeder Stunde sank das Wasser mehr und mehr; gegen 10 Uhr konnten die Straßen gegen die Vorstädte wieder passirt und der Verkehr aufgenommen werden.“
Ein paar Tage später drohte ein neues Hochwasser: „Durch den stets anhaltenden Regen steigt die Murr heute wieder ziemlich stark und ist ihrem Austritt nahegekommen.“ Doch nun kam die Stadt glimpflich davon.
Allerdings blieb der Wasserstand der Murr hoch. Am 4. März berichtete der Murrthal-Bote: „Die Murr behält seit dem letzten Hochwasser einen bedeutend hohen Wasserstand und der heutige Regentag kann bis gegen Abend einen Austritt leicht zur Folge haben, indem das Bett der Murr bis zum Rande gefüllt ist.“
Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer