56. Weinsberger Obstbautag
am 10. Februar 2026 in Weinsberg
Im Mittelpunkt des gestrigen 56. Weinsberger Obstbautages standen die Herausforderungen im Pflanzenschutz vor dem Hintergrund der Klimaveränderungen. Expertinnen und Experten sowie Praktikerinnen und Praktiker aus dem Obstbau tauschten ihr Wissen und ihre Erfahrungen dazu aus.
Bereits zum 56. Mal veranstaltete das Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) gemeinsam mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) heute (10. Februar 2026) den Weinsberger Obstbautag.
Dr. Dieter Blankenhorn, Leiter der LVWO Weinsberg, begrüßte die Teilnehmenden. „Die derzeitigen Rahmenbedingungen erfordern mehr Innovation und den Einsatz von neuen, nachhaltigen Technologien bei der Obsterzeugung. Der Weinsberger Obstbautag mit seinem vielschichtigen Programm ist eine ideale Plattform des Austausches und der Wissensvermittlung“, äußerte sich Dr. Blankenhorn. Begleitend zu den Vorträgen präsentierten sich im Foyer insgesamt neun ausstellende Firmen und Institutionen zu unterschiedlichen obstbaulichen Themenbereichen.
Hubert Bernhard, Präsident des Landesverbands Erwerbsobstbau Baden-Württemberg e. V. hielt anschließend ein Grußwort: „Der Obstbau in Baden-Württemberg steht 2026 vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Der Mindestlohn von 12,82 Euro und die zum Jahresbeginn 2026 wirksam gewordene Anhebung auf 13,90 Euro belasten die arbeitsintensiven Sonderkulturbetriebe ebenso wie weiterhin hohe Energie- und Betriebskosten sowie stagnierende Erzeugerpreise. Gleichzeitig sind unsere Betriebe hochmodern aufgestellt, investieren in Digitalisierung, Umwelt- und Klimaschutz und sichern Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Ein weiterer zentraler Punkt ist der Pflanzenschutz: Unsere Obstbaubetriebe arbeiten seit Jahren mit einem stark reduzierten, gezielten und verantwortungsvollen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Dafür benötigen sie jedoch auch 2026 eine verlässliche Verfügbarkeit zugelassener, wirksamer Präparate. Der zunehmende Wegfall von Wirkstoffen, kurzfristige Notfallzulassungen und steigende Dokumentationsanforderungen erschweren eine planbare Produktion. Um weiterhin qualitativ hochwertiges, gesundes und regional erzeugtes Obst anbieten zu können, brauchen unsere Betriebe praktikable rechtliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.“
Themen und Vorträge des 56. Weinsberger Obstbautages
Dr. Jan Hinrichs-Berger vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) sprach zum Auftreten „neuer“ Schadpilze im Obstbau und deren Diagnostik. „In den vergangenen zwanzig Jahren sind in Baden-Württemberg Pilzerkrankungen auffällig geworden, die zuvor keine Beachtung fanden und deren Auftreten mutmaßlich durch den Klimawandel begünstigt wurden“, berichtete Dr. Hinrichs-Berger. Ihre Symptome sowie die Vorgehensweise bei der Diagnose wurden am Beispiel der Schwarzfäule der Erdbeere sowie weiterer Krankheiten dargestellt.
Jutta Kienzle von der Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau e. V. (FÖKO) stellte die Entwicklung der Strategie zur Erhaltung der Pflanzengesundheit im Öko-Obstbau in den letzten vierzig Jahren vor. „Die Herausforderungen reichen von Klimawandel und neuen Schaderregern bis zur aktuellen Zulassungssituation für biologische Präparate. Die FÖKO arbeitet intensiv und strukturiert in einem 2004 ins Leben gerufenen Netzwerk aus Praxisbetrieben, Versuchsanstellern, Beratung und Verbänden an der Weiterentwicklung des Öko-Obstbaus. Für die Erhaltung der Pflanzengesundheit ist eine hohe Biodiversität im Anbausystem die wichtigste Grundlage. Eine höhere Sortenvielfalt und eine hohe Insektenvielfalt sind wesentliche Eckpfeiler eines resilienten Anbausystems. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Vor diesem Hintergrund sind die Sortenzüchtung in Weinsberg und die Arbeit an Maßnahmen zur Biodiversitätsförderung an der Uni Hohenheim, wo derzeit Insektenregulierung und Biodiversitätsförderung zusammen gedacht und entwickelt werden, für den Öko-Obstbau von allerhöchster Wichtigkeit“, so Kienzle.
Manuel Geiser vom Regierungspräsidium Stuttgart berichtete zu den aktuellen Änderungen und Entwicklungen der Zulassungssituation von Pflanzenschutzmitteln im Obstbau. Die rechtlichen Neuerungen bezüglich der Dokumentation von Pflanzenschutzanwendungen waren ebenso Thema wie die zu beachtenden Vorgaben bei der Schadnagerbekämpfung im Betrieb. „Sowohl die Einschränkungen bei Captan als auch bei Cyprodinil machen die Lagebehandlungen im Kernobst zunehmend schwieriger. Wie die Blutlaus in diesem Jahr bekämpft werden soll, steht noch nicht fest. Wir hoffen nicht nur hier auf Notfallzulassungen. Diese sind im Obstbau nicht mehr wegzudenken“, so Geiser.
Jonathan Wenz und Alexander Kurz vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) stellten den aktuellen Stand der Pflanzenschutzmittelreduktion in Baden-Württemberg, speziell im Obstbau, vor: „Wichtiger Bestandteil des Biodiversitätsstärkungsgesetzes vom Juli 2020 ist das Landesziel zur Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes. Bis zum Jahr 2030 soll der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel um vierzig bis fünfzig Prozent in der Menge reduziert werden. Um die Reduktion voranzubringen, wurde ein Netz aus Demonstrationsbetrieben aufgebaut. Auch mehrere Obstbaubetriebe, verteilt über ganz Baden-Württemberg, sind Teil dieses Netzwerks. Auf diesen wurden im Laufe der letzten fünf Jahre mehrere „Stellschrauben“ identifiziert, um den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel auch im Obstbau zu verringern. Diese umfassen eine angepasste Sortenwahl und Applikationstechnik, zielgerichtetes Monitoring und Schaderregererfassung, die Substitution mit nicht-chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, die Gewinnung von exakten Wetterdaten und den Einsatz von Prognosemodellen sowie eine optimierte Nützlingsförderung. Essentiell sind neben der Ertrags- und Qualitätssicherung stets die Praxistauglichkeit und die Wirtschaftlichkeit der alternativen Verfahren.“
Dr. Franz Rueß von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau referierte über die Triebsuchterkrankung an Apfelbäumen: „Die Krankheitserreger sind zellwandlose Bakterien, welche nur in den Siebröhren der Pflanze vorkommen. Bekannte Überträger sind der Weißdornblattsauger und vor allem der Sommerapfelblattsauger. Vermutlich aufgrund der Klimaerwärmung und den damit verbundenen besseren Lebensbedingungen für die Überträger sind Phytoplasmosen im Obst- und Weinbau generell auf dem Vormarsch. Eine direkte Bekämpfung der Apfeltriebsucht ist nicht möglich. In der akuten Befallsphase entwickeln sich meist nur kleine, fad schmeckende und schlecht ausgefärbte Früchte. Die wirtschaftlichen Verluste derartig befallener Bäume können bis zu hundert Prozent betragen. Durch die Verwendung von resistenten Unterlagen, die in der Lage sind, das Bakterium auszufiltern beziehungsweise über Winter quasi ‚auszuhungern‘, sind befallene Bäume des Vorjahres im nächsten Frühjahr wieder befallsfrei.“ Dr. Rueß stellte die Ergebnisse eines Bundesversuchs zu besenwuchsresistenten Unterlagen vor. Leider konnte bis jetzt keine geeignete Unterlage gefunden werden, die den Erfordernissen des Erwerbsobstbaus genügt. Für den Hausgarten beziehungsweise Streuobstanbau hingegen sind entsprechende Unterlagen bereits verfügbar.
Christian König von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau stellte Anbauerfahrungen zur Mandel vor. Am Obstversuchsgut Heuchlingen werden hierzu seit einigen Jahren Versuche mit modernen Sorten im Bio-Anbau durchgeführt, wobei bereits erste Stärken und Schwächen erkennbar sind. „Die Mandel besitzt in den Weinbaugebieten Deutschlands eine jahrhundertelange Tradition und ist durch regionale Sorten wie die „Perle der Weinstraße“ geprägt. Aufgrund vieler Nachteile, unter anderem der hohen Frostanfälligkeit, hat sie bislang kaum Bedeutung im heimischen Erwerbsanbau erlangt. Durch jahrzehntelange Züchtungsarbeit mit Fokus auf spätblühende und robuste Sorten konnten europäische Forschungsinstitute moderne Mandelsorten mit verbesserter Frosttoleranz entwickeln. In Verbindung mit effizienten Anbausystemen und den klimatischen Veränderungen könnten sich dadurch Anbaupotenziale in begünstigten Regionen Baden-Württembergs eröffnen“, berichtete König. Für belastbare Empfehlungen seien jedoch neben weiteren Versuchsjahren auch die Klärung zentraler Anbaufragen, vor allem zu Pflanzenschutz, Erntetechnik und Vermarktung erforderlich.
Hintergrundinformationen:
Der Weinsberger Obstbautag wird bereits seit dem Jahr 1971 für Praktikerinnen und Praktiker aus dem Erwerbsobstbau durchgeführt und findet dieses Jahr zum 56. Mal statt. Die Organisation und Durchführung liegt in den Händen des Regierungspräsidiums Stuttgart und der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO). Die LVWO ist eine Landesanstalt des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.
Quelle: Regierungspräsidium Stuttgart
Redaktion backnang.online