Das traurige Ende eines Stückchens Lebenskunst
Ein Interview mit Cara Thompson, der Betreiberin von „Teatime Lebenskunst“ in Backnang
Die in den USA geborene Cara Thompson betreibt seit Mai 2024 in der Marktstraße 42 in Backnang den Teeladen „Teatime Lebenskunst“. Dort gibt es neben offenem Tee auch Teegeschirr und viele andere schöne Dinge. Der „Vintage Room“, wie die Betreiberin ihn nennt, ist mit einer historischen Sitzgruppe gemütlich eingerichtet. Der Raum nach vorn bietet als Tearoom Sitzplätze mit Blick auf die Marktstraße und den Stadtturm. Am 15. März 2026 schließt der Laden. Im Nachfolgenden Interview erzählen Cara Thompson und Kristina Rieth von ihren Erfahrungen mit dem Tearoom.
Wie kam Ihnen die Idee für einen Teeladen?
Cara Thompson: Zwei persönliche Schicksalsschläge sorgten dafür, dass sich mein Leben sehr verändert hat. So konnte ich nicht weiter als Musikerin tätig sein. In dieser Situation besuchte ich einen Teeladen in Stuttgart, „The English Tearoom“. Das war eine ganz neue Welt für mich. Ich konnte mir gut vorstellen, so etwas zu machen und meinen Gästen in schönem Ambiente Momente der Ruhe und Verbundenheit zu schaffen. Tee bietet die Möglichkeit, zu sich zu kommen. Das war die Idee für „Teatime Lebenskunst“. Ich habe die Idee mit meiner Freundin Kristina besprochen und sie war ganz begeistert.
Kristina R.: Ich wuchs in Neugereut auf und ich fand die Gerüche und die Atmosphäre im dortigen Teeladen ganz toll. Ich habe immer davon geträumt, in einem Teeladen zu arbeiten. Als ich mich gerade beruflich verändern wollte, kam Cara mit der Idee eines Teeladens. Wir haben uns erkundigt und festgestellt, dass es in Backnang keinen Teeladen mehr gibt.
Wie fing es dann an?
Cara Thompson: Ich fand die Räume in der Marktstraße. Da ich kein großes Startkapital hatte, habe ich die Räume selbst hergerichtet. Ich habe eine Wand mit Blumen bemalt, damit es gemütlich wird. An den anderen Wänden ist Platz für Ausstellungen.
Es wurde dann aber nicht nur ein Teeladen …
Cara Thompson: Wir haben klein angefangen. Von Beginn an sollte es jedoch nicht nur ein Verkaufsladen sein, sondern auch ein Raum, in dem man den Tee direkt vor Ort kosten kann. Mir war wichtig, dass unsere Kunden die Möglichkeit haben, unsere Tees kennenzulernen und so auch Fehlkäufe zu vermeiden.. Ich wollte, dass die Kunden jede Minute mit dem Tee genießen können und nicht irgendetwas kaufen. Am Anfang war es nur ein Teeladen mit Ausschank. Schnell wurde klar, dass die Leute lieber gemütlich sitzen und sich unterhalten möchten. Dann kamen die Scones dazu. Dann hatten wir die Ideen für Events. Und wir boten Kekse an. Das Teesortiment wuchs mit der Zeit. Und so wurde schließlich ein Tearoom daraus. Da es im weiten Umkreis keinen Afternoon Tea mehr gibt, hielten wir das für eine interessante Idee.
Kristina R.: Wir haben uns bei anderen Ladenbesitzern erkundigt. Uns wurde schnell bewusst, dass die Gewinnspanne bei Tee sehr gering ist und Tee alleine nicht reicht. Aber wir wollten ja sowieso einen Ausschank dabei haben. Uns war es wichtig, dies anzubieten, damit unsere Kunden den Tee vor Ort probieren können. Denn ein Teekauf ist für uns ein Erlebnis für alle Sinne – verbunden mit persönlicher und bewusster Beratung. Der Laden sollte auch viele Dinge verbinden: Caras Musik, Kunst und meine Fotografien.
Warum gibt es keinen Kaffee?
Cara Thompson: Tee und Kaffee gehören nicht zusammen. Kaffee ist stark und Tee nimmt alle Gerüche an. Kaffee verdirbt den Tee. Ein ernsthafter Teeladen hat deshalb keinen Kaffee. Aber was den Ausschank angeht, ist die Region hier Kaffeeland. Aber es gibt in Backnang passionierte Teetrinker und die schätzen uns sehr.
Wie ist es bei Ihnen mit der Teeleidenschaft?
Cara Thompson: Ich würde gerne berichten, dass ich in den USA in der Familie viele Teemomente gehabt habe. Aber so richtig habe ich den Tee erst in Norddeutschland mit der ostfriesischen Tradition schätzen gelernt. Meine Nachbarin hatte ein Kind im selben Alter und mit ihr habe ich mich angefreundet. Sie sagte immer: „Erst einmal trinken wir einen Tee.“ Bei ihr stand immer Tee auf dem Tisch.
Beruflich kommen Sie ja aus der Musik
Cara Thompson: Ich bin in New Hampshire aufgewachsen. Musik war mein Leben. Ich habe dort als Musikerin und Leiterin einer Musikschule gearbeitet. Darum wollte ich auch den künstlerischen Aspekt in den Tearoom einbauen. So gibt es immer wieder Ausstellungen und „Easy Classic“.
Wie kamen Sie eigentlich nach Backnang?
Cara Thompson: Nach Süddeutschland kam ich, weil mein Mann in Backnang eine neue Stelle fand.
Wie war die Realität im Teeladen?
Kristina R.: Die Realität war dann anders. Am Anfang war es schwierig, weil das Haus noch renoviert wurde. Die Kunden fragten immer nach wegen der unfertigen Treppe. Die Kunden rieten uns mehr Werbung zu machen. Aber genau das entpuppte sich als schwierig bei dem denkmalgeschützten Haus. Ein von uns ausgewählter Ausleger mit Schild, der gut zum historischen Stil des Hauses gepasst hätte, wurde vom Baurechtsamt als zu groß erachtet. Die Frage der Werbung an der Fassade in den Verhandlungen mit dem Baurechtsamt ist immer noch nicht erledigt. Der Vorschlag, den Ladennamen auf die Fassade zu malen, war nicht wirklich hilfreich, da die Frage offen blieb, wie man das später wieder entfernen könne. Es gab keine hilfreichen Vorschläge, nur Anmerkungen, was alles nicht ging. Da fehlt völlig das Verständnis für Selbstständige. Kristina R.: Es war von Anfang an nicht so gut, dass im selben Haus noch ein Café aufgemacht hat. Auch wenn das Konzept anders ist, sorgt es für Verwirrung. Es ist ein Ort, an dem man heiße Getränke bekommt. Und das ist nicht so gut. Das hat uns geärgert.
Was ist der Hintergrund, dass Sie schließen?
Cara Thompson: Ich habe mir die Frage gestellt, wie wir überleben können. Da kam mir die Idee, zusätzlich Frühstück anzubieten. Das wurde jetzt so gut angenommen, dass wir bis zum geplanten Ende ausgebucht sind. Wir servieren bewusst keine klassischen Brötchen, sondern herzhafte und süße Scones, verschiedene Aufstriche, Joghurt und weitere Kleinigkeiten – fast alles in Bioqualität. Aber wenn wir gut besucht sind, wird es organisatorisch schwierig, denn es gibt nur eine ganz kleine Teeküche mit kaum Platz für mehr als eine Person. Und dann stellt sich noch die Frage: Wohin mit all den Etagèren, die für die Tische vorbereitet werden müssen? In solchen Momenten bedeutet das vor allem eines – Stress. Und für Personal reicht der Umsatz nicht. Ich schaffe es von der Arbeitszeit auch nicht, mehr zu leisten. Neben dem laufenden Betrieb fällt viel Backoffice-Arbeit an, die oft unterschätzt wird. Und auch privat bin ich gut eingebunden: Zu Hause warten ein Hund, rund zwanzig Hühner und mein neunjähriger Sohn auf mich.
Würden eine geringere Miete oder eine Unterstützung helfen?
Cara Thompson: Ich liebe den Teeladen. Würde es einen finanziellen Ausgleich geben, könnte das schon helfen. Denn im Augenblick geht ein Großteil des Umsatzes in die echt hohe Miete, wodurch kein Gewinn herauskommt. Inzwischen sind die finanziellen Rücklagen aufgebraucht. Und meine Kraft ist auch am Ende.
Was muss in Backnang geschehen?
Cara Thompson: Backnang muss sich anders präsentieren. Die Innenstadt muss dringend belebt werden. Man muss Menschen in die Innenstadt locken, aber dafür benötigt man eine Vielfalt in der Innenstadt. Die Stadt kann nicht verantwortlich sein für die Umsätze. Aber es muss ein Förderkonzept her, um kleine Läden anzulocken. Wenn ich meinen Kunden zuhöre, merke ich, dass sie auch nicht zufrieden sind mit dem Zustand der Innenstadt. Wenn die Stadtpolitik möchte, dass sich im Stadtzentrum kleine Läden halten können, ist eine neue Idee notwendig.
Kristina Rieth: Der Teeladen war ja so eine Idee, dass das ein Mehrwert für Backnang sein könnte.
Wie sehen Sie die Zukunft kleiner Läden in der Backnanger Innenstadt?
Cara Thompson: Keine Chance.
Was wünschen Sie sich für Backnang?
Cara Thompson: Ich wünsche mir einen belebten Stadt- und Wochenmarkt. Vielleicht braucht der Markt auch mehr gastronomische Angebote. Grundsätzlich muss die Stadt ein echtes Alleinstellungsmerkmal entwickeln, um Menschen wieder in die Innenstadt zu locken. Sie muss sich interessant machen. Ich wünsche mir einen belebten Stadt- und Wochenmarkt. Vielleicht braucht der Markt auch mehr gastronomische Angebote. Grundsätzlich muss die Stadt ein echtes Alleinstellungsmerkmal entwickeln, um Menschen wieder in die Innenstadt zu locken. Sie muss sich interessant machen. Menschen kommen in eine Stadt nicht wegen Ketten und großen Geschäften, die es überall gibt. Sie kommen wegen der kleinen, individuellen Läden mit Charakter, wegen besonderer Konzepte und einer gewissen Einzigartigkeit. Genau das macht eine Innenstadt lebendig und unverwechselbar. Backnang hat solche Geschäfte bereits – nur leider noch zu wenige (und inzwischen vom Aussterben bedroht!).
Welche Rolle können Stadtverwaltung und Stadtmarketing spielen?
Cara Thompson: Eine Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung wäre wünschenswert. Als wir im Sommer 2025 gemerkt haben, dass sich etwas ändern muss, haben wir um ein Gespräch gebeten.
Kristina R.: Es gab verschiedene Termine, wie mit dem Stadtmarketing und anderen für uns greifbaren Ansprechpartnern. Leider gab es wohl zu dem Zeitpunkt keine Lösung. Mittlerweile hat sich was getan und man setzt sich ein. Schade nur, dass es in diesen Räumlichkeiten keine Möglichkeit gab zu bleiben.
Cara Thompson: Ich bin Mitglied beim Stadtmarketing. Ich und andere Besitzer kleiner Läden hatten eine kleine Erfahrungsrunde beim Stadtmarketing. Allerdings verlief das im Sande. Ein ganz eigenes Problem sind die Stadtfeste. Da kommen zwar viele Menschen, aber man kommt nicht an sie ran, da die Ladenfassaden verdeckt sind. Ich hatte mir ganz naiv vorgestellt, dass ich bei solchen Anlässen einen Stand vor dem Laden betreiben könnte. Das geht natürlich – aber nur gegen Gebühr. Das ist jetzt wohl geändert worden. Gerade bei den Stadtfesten sollten die Läden mehr ins Licht gerückt werden.
Kristina R.: Vertreter des Stadtmarketings müssten uns eigentlich darum bitten, dass wir teilnehmen, um zu zeigen, was Backnang bietet und ausmacht – mehr Kommunikation im Vorhinein wäre wichtig.
Wie ist es mit der Parksituation?
Cara Thompson: Meine Kunden fragen ganz konkret, wo sie parken sollen. Da kann ich ihnen nicht wirklich gute Vorschläge machen. Deshalb bleiben viele Kunden weg. Potentielle Kunden überlegen sich: „Wo könnte man sich treffen, um schön einen Tee zu trinken?“ Sie kommen dann auf Teatime. Aber wo können sie parken? In der Marktstraße geht es nur dreißig Minuten. Andere Parkplätze sind zu weit weg. Am Ende kommen sie nicht in die Backnanger Innenstadt. Das macht die Situation für den Einzelhandel schwierig. Natürlich reichen die dreißig Minuten, um schnell Tee zu kaufen, aber für Teetrinken eben nicht. Und dann sind die Parkplätze zu teuer und man muss Hügel oder Treppen hochgehen.
Kristina R.: Als Vorschlag für das Parken wurde uns das Windmüllerparkhaus genannt. Aber wer geht von dort zu Fuß den Hügel hinauf zu uns? Wenn man möchte, dass die Leute in die Innenstadt zum Einkaufen kommen, dann sollten die Parkgebühren stark reduziert werde. Ich kenne Winnenden. Da ist das Kärcherparkhaus kostenlos. Wir sind in der Mittagspause oft ins Zentrum auf den Markt gefahren. Dort gibt es viele Essensmöglichkeiten. In Backnang kann man auf dem Wochenmarkt nichts essen. Es gibt keine Möglichkeit, sich irgendwo gemütlich hinzustellen und etwas zu essen oder zu trinken.
Cara Thompson: Nur die Eisdiele ist belebt. Wenn es in der Innenstadt so weitergeht, dann gibt es bald nur noch leere Schaufenster. Die Filialisten sind nicht genug. Die gibt es auch in Waiblingen und Schorndorf. Die Menschen möchten Abwechslung.
Kristina R.: Einige Kunden äußern sich über die mangelnde Vielfalt an so kleinen Länden mit Charme und finden Backnang eintönig. Das ist schade. Wir haben genau das geschaffen, einen Ort, der ihnen Ruhe bietet und besonders ist. Die Kunden mögen unser Konzept, weil sie die Beratung und Atmosphäre schätzen.
Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer