Bei den Landtagswahlen 1876 wurde Friedrich von Dillenius wiedergewählt
Vor 150 Jahren in Backnang – Teil 13
Am 10. Februar 1876 standen Wahlen für den württembergischen Landtag an. Im Wahlkreis Backnang stellte sich der Abgeordnete Geheimrat Friedrich von Dillenius wieder zur Wahl. Der in Waiblingen erscheinende Remsthal-Bote berichtete am 13. Januar 1876: „Allgemein ist die Stimmung bezüglich der Abgeordneten-Wahl für Herrn Geh.-Rath v. Dillenius, und da bis jetzt kein Wahlkandidat aufgetreten ist, wird dessen Wiederwahl wohl mit Einstimmigkeit erfolgen.“
Wahlberechtigt waren männliche württembergische Staatsbürger mit Wohnsitz im Bezirk Backnang. Ausgeschlossen waren Männer, die unter Vormundschaft standen, die in einem Zwangsvollstreckungs- oder Insolvenzverfahren waren, die die bürgerlichen Ehrenrechte wegen eines Verbrechens verloren hatten oder die Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln bezogen.
Die Wahl lief erfolgreich für Dillenius. In der Stadt Backnang erhielt er alle Stimmen. Das Ergebnis erregte „in hiesiger Stadt allgemeine und ungetheilte Freude.“ So der Murrthal-Bote. Allerdings nahmen von den 1269 Wahlberechtigten nur 679 an der Wahl teil. Das war gerade etwas mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten. Auch in Sulzbach erreichte er hundert Prozent. Das schlechteste Ergebnis hatte er in Großaspach. Da gab es 18 Gegenstimmen. Insgesamt erhielt er im Oberamt Backnang 3011 von 3050 Stimmen. Es gab allerdings auch keinen Gegenkandidaten.
Dillenius war als Generaldirektor der Verkehrsanstalten in Backnang in dem Jahr, in dem die Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz erfolgte, sehr populär. Dillenius hatte aber nicht nur eine wichtige Rolle beim Bau der Murrtalbahn – und zwar in zwei Funktionen: um den Bau als Abgeordneter politisch zu erreichen und ebenso, um den Bau umzusetzen. Dillenius war überhaupt eine der treibenden Kräfte, um in einer Phase, in der viele württembergische Politiker sich gegen einen weiteren Ausbau des Bahnnetzes wandten, genau diesen durchzusetzen, um eine Verkehrsinfrastruktur für einen modernen Industriestaat aufzubauen. „Die Entwicklung des ganzen württ. Eisenbahnwesens hängt mit dem Namen Dillenius unzertrennlich zusammen. Er war ebenso bedeutend als Betriebsleiter, wie Organisator des Dienstes.“ – so würdigte ihn die Zeitung „Schwäbischer Merkur“ in einem Nachruf 1884.
Nach seinem Tod am 15. Oktober 1884 würdigte der Murrthal-Bote, die damals in Backnang erscheinende Zeitung Dillenius mit einem geradezu hymnischen Nachruf: „Das überaus rasche Hinscheiden Sr. Excellenz des Geh.-Rats v. Dillenius ruft auch in unserem Bezirke tiefe Teilnahme hervor. Neben den hohen Verdiensten, die sich der Verblichene um das ganze Land, besonders um die Vervollkommnung des Eisenbahnwesens erworben, ist ihm nebenbei auch unser Bezirk zu großem Danke verbunden. Hat er doch als unser Landtagsabgeordneter, in den Jahren 1870/76 mit großer Mehrheit gewählt, die wahren und richtigen Interessen des Bezirks mit Meisterblick erkannt und in der Weise verfolgt, daß unsere sehnlichsten Wünsche vollkommen befriedigt wurden. So lange das Wort Dankbarkeit noch Bestehen hat, wird auch der Name „Dillenius“ bei uns hochgehalten und mit Würde genannt werden. Diese Dankbarkeit, ja wir möchten sagen Anhänglichkeit und Verehrung, wird heute auch dadurch zum Ausdruck kommen, daß sich sowohl vom Bezirk Backnang, wie von der Oberamtsstadt, welche ihm im Jahr 1874 das Ehrenbürgerrecht verlieh, und von Seiten des Gewerbevereins Deputationen zur Beerdigung nach Cannstatt begeben werden.“
Eine Delegation aus Backnang beim Begräbnis auf dem Uff-Kirchhof
Auch vom Begräbnis gab der Murrthal-Bote dem Backnanger Publikum am 20. September 1884 einen ausführlichen Bericht. Der Text ist weitestgehend eine Übernahme aus der in Stuttgart erschienen Zeitung „Schwäbischer Merkur“ vom 19. September, der hier zitiert sei: „Die gestern Nachm. 4 Uhr auf dem Uffkirchhofe dahier stattgehabte Beerdigung des Generaldirektors Geh.Rats von Dillenius gestaltete sich zu einer großartigen Trauerkundgebung. Dem von 4 prächtigen Rappen gezogenen Leichenwagen folgten u. A. Finanzminister Renner, mehrere Abgeordnete, eine große Anzahl Post-, Telegrafen- und Eisenbahnbeamte und eine unabsehbare Menge sonstiger Leidtragender. Am Grabe sprach außer dem Geistlichen, Dekan Rooschüz, noch Stadtschultheiß Gock von Backnang als Abgesandter des Bezirks, den der Verstorbene während 10 Jahren so würdig in der Ständeversammlung vertreten hat. Geh.Rat v. Dillenius erfeute sich hier, wo Alt und Jung den liebenswürdigen einfachen Herrn kannten, ganz außerordentlicher Sympathien.“ Noch einmal erwähnt der Zeitungsbericht die Backnanger Delegation: „Darauf trat Stadtschultheiß Gock von Backnang, einer der Deputatirten, vor und pries des Verstorbenen Verdienste um seinen Wahlbezirk, dessen Wünsche er zu erfüllen wußte, wofür ihm der unauslöschliche Dank der Bezirksangehörigen für alle Zeit nachfolgen werde.“
Vom Kameralbuchhalter zum Generaldirektor der württembergischen Verkehrsanstalten
Immanuel Friedrich Karl Dillenius wurde am 19. November 1819 in Stuttgart als Sohn des Oberbaurats Friedrich Wilhelm Dillenius, der ab 1834 bei der Regierung des Jagstkreises in Ellwangen tätig war, geboren. Der junge Dillenius durchlief eine staatliche Verwaltungslaufbahn im Königreich Württemberg: Er wurde 1844 Kameralamtsbuchhalter in Heidenheim an der Brenz und 1848 Kanzleiassistent beim Steuerkollegium in Stuttgart. Bereits damals wurde er Mitglied der württembergischen Eisenbahnkommission, deren Sekretär er ab 1851 war. Bereits damals wurde er in die Zentralbehörde für die Verkehrsanstalten berufen. 1853 erfolgte die Beförderung zum Assessor, 1857 zum Finanzrat, 1858 zum Oberfinanzrat und Vorstand der Eisenbahndirektion. König Wilhelm I. verlieh ihm 1860 das Ritterkreuz I. Klasse des Ordens der württembergischen Krone, was die Erhebung in den persönlichen Adel bedeutete. Das Stuttgarter Adressbuch von 1866 nennt ihn erstmals in der Friedrichstraße 27 – erster Stock. Dabei handelt es sich um den damals neu errichteten Erweiterungsbau des alten Stuttgarter Bahnhofs in der Schlossstraße (heute Bolzstraße).
Mitten im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 fanden Anfang Dezember 1870 im Königreich Württemberg Landtagswahlen statt. Soweit die Themen des Wahlkampfs in Backnang nachvollziehbar sind, ging es vor allem um den Bau der Murrtalbahn und die deutsche Einigung. Im Wahlkreis Backnang trat Dillenius gegen den bisherigen Abgeordneten an, den Murrhardter Schlossermeister Ferdinand Nägele, der vor allem bekannt ist als Abgeordneter in der 1848-1849 in der Frankfurter Paulskirche tagenden Nationalversammlung. Obwohl beide Kandidaten für die Reichseinigung und den Bahnbau eintraten, setzte man in Backnang die Hoffnungen in Dillenius, um endlich den erhofften Eisenbahnanschluss zu bekommen. Von den abgegebenen 3788 Stimmen (5399 Wahlberechtigte) erhielt Dillenius 2474 Stimmen und Nägele 1290 Stimmen. In Murrhardt war Nägele mit 598 Stimmen der Favorit gegenüber Dillenius mit nur 120 Stimmen. In Backnang lag allerdings Dillenius mit 1093 Stimmen deutlich vorn. Nägele erhielt hier nur 177 Stimmen. Dillenius war im 25. Landtag (1870-1874) in der zweiten Kammer der Ständeversammlung einer von siebzig gewählten Abgeordneten. Dass ein hoher Beamter der württembergischen Staatsverwaltung nun gleichzeitig als Abgeordneter im Landtag saß, war damals möglich.
Dillenius wurde am 30. Dezember 1870 auch außerordentlichen Mitglied des Geheimen Rats und durfte nun den Titel „Geheimrat“ führen. Außerdem verlieh ihm König Karl 1871 den Olga-Orden. Dieser bestellte ihn 1871 zum Leiter der Verkehrsanstalten und Vorstand der Zentralbehörde für die Verkehrsanstalten in Stellvertretung des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten. Die Stadt Backnang bedankte sich 1874 für seinen Einsatz zum Bau der Murrtalbahn mit der Ernennung zum Ehrenbürger. Der württembergische König verlieh ihm 1874 das Großkreuz des Friedrichsordens. Im Juli 1875 wurde Dillenius Generaldirektor der neu geschaffenen Generaldirektion der Verkehrsanstalten, blieb aber gleichzeitig erster Vorstand der Eisenbahndirektion und durfte weiterhin den Titel Geheimrat führen. In Backnang bangte man allerdings, ob er durch eine veränderte Gesetzeslage sein Mandat im 26. Landtag behalten kann. Bei der Wahl zum 27. Landtag 1876 erhielt er wieder die Mehrheit im Bezirk Backnang. 1879 wurde er auch noch zum stellvertretenden Bundesbevollmächtigten ernannt. Mit dem Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen kam 1879 noch ein badischer Orden dazu. Aus gesundheitlichen Gründen ließ er sich 1880 in den Ruhestand versetzen und legte sein Abgeordnetenmandat nieder. Er wohnte die letzten Jahre seines Lebens in der Badstraße 29 in Bad Cannstatt.
Grab auf dem Uff-Kirchhof in Bad Cannstatt
Über seinen Tod am 15. September 1884 berichtet die „Schwäbische Kronik“ im „Schwäbischen Merkur“ am 17. Dezember 1884: „Geheimrat v. Dillenius […] wohnte gestern Vormittag der Beerdigung seines Nachfolgers im Amte, des verst. Präsidenten v. Böhm bei. Von dort in seine Wohnung in Cannstatt, wo er im Pensionsstande lebte, zurückgekehrt, fühlte er sich plötzlich unwohl und starb im Laufe des Nachm. In Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht.“
In Backnang erinnern die Dilleniusstraße, die von der Innenstadt Richtung Bahnhof führt, und ein Gemälde im Rathaus an den Ehrenbürger. Das Grab an der westlichen Mauer des Uff-Kirchhofs in Stuttgart ist erhalten – allerdings ist der Grabstein ohne Beschriftung und auch das vermutlich darauf aufragende Eisenkreuz fehlt. Am Haus mit der letzten Wohnung (Badstraße 29 in Bad Cannstatt) hat der Verein Pro Alt-Cannstatt eine Informationstafel angebracht (Der historische Pfad, Station 27).
Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer