Ein Unfall der Postkutsche im Jahr 1871 Vor 155 Jahren in Backnang – Teil 14
Hotel Post | © Stadtarchiv Backnang

Ein Unfall der Postkutsche im Jahr 1871

Vor 155 Jahren in Backnang – Teil 14

Bei Kutschen denken wir an gemütlich über die Lande fahrende Gefährte. Postillone waren aber früher genauso unter Zeitdruck wie heutige Linienbusfahrer und Paketzusteller. Postkutschen waren Verkehrsmittel für Personentransport und Lieferdienst für Briefe und Pakete gleichermaßen. Backnang war im 19. Jahrhundert in das Postkutschensystem eingebunden. 1871 war die Post im gleichnamigen Gasthof in der Marktstraße 23 (in dem Gebäude war später die Firma Remmele). Der Wirt war gleichzeitig der Posthalter. 1877 erhielt Backnang dann ein professionell geführtes Postamt.

Dass die Posthalter üblicherweise Wirte waren, brachte für die Post Vorteile, denn ein Gasthof hatte einen Pferdestall, der für die Bereitstellung der Postkutschenpferde nötig war, ein Gasthof hatte eine Scheune für das Futter der Postkutschenpferde, ein Gasthof hatte eine Gaststätte, um die Reisenden zu verköstigen und ein Gasthof hatte Gästezimmer für die Reisenden.

Backnang war mit der Residenzstadt Stuttgart mit einer Postkutschenlinie verbunden. Das Straßensystem war damals noch anders, es gab etwa die Bundesstraße 14 noch nicht. Die Strecke der Postkutsche ging über die Maubacher Straße in die Stadt. Da es die Bahnstrecke noch nicht gab, mündete die Maubacher Straße beim Gasthaus Rössle – also beim Adenauerplatz – in die heutige Stuttgarter Straße. Dann ging es die Marktstraße hinunter zur Post.

Die von Pferden gezogenen Postkutschen fuhren damals nach Fahrplan. Begleitet wurden sie von einem Postillon, wie der Kutscher genannt wurde, und von einem Conducteur, dafür wurde bei der Eisenbahn später der Begriff Schaffner erfunden. Beide saßen üblicherweise auf dem Kutschbock. Damals waren die Berufsbezeichnungen bei Post und Bahn noch französisch. Wie heute musste es schnell gehen bei der Postkutsche.

Die Postkutsche stürzt um
Am 23. Januar 1871 hatte die Postkutsche in Backnang einen Unfall. Dieser fand kurz nach der Abfahrt der Postkutsche statt – genauer gesagt vor dem Rathaus. Dabei wurden zwei Menschen verletzt. Versorgt werden konnte die beiden Verletzten im 1869 eröffneten Bezirkskrankenhaus in Backnang. Das hatte damals 22 Betten und befand sich in einem Gebäude, das heute Teil des Bildungshauses in de Bahnhofstraße ist.

Der Murrthal-Bote, so hieß die damals in Backnang erscheinende Zeitung, berichtete am nächsten 26. Januar 1871 ausführlich: „Am letzten Montag Abends ist der um 7 Uhr von hier nach Waiblingen abfahrende und mit 6 Personen (außer Condukteur und Postillon) besetzte Postwagen wenige Häuser von er hiesigen Post entfernt unmittelbar vor dem Rathhaus jählings gegen dieses umgefallen, nachdem er durch das rasche Antreiben der Pferde von der Post weg auf dem glatten Boden seitwärts gerutscht war. Zwei Personen trugen hiedurch bedeutende Verletzungen davon, nämlich der auf einige Tage in Urlaub gewesene Reiter Kübler von Schönbronn (Bedienter des Rittmeisters v. Gültingen in Ludwigsburg) und der schon ziemlich bejahrte Condukteur Sturm. Kübler saß innen im Wagen auf der linken Seite und weil beim Fall des Wagens auf die rechte Seite der gegenübersitzende Passagier sich an ihm halten wollte, so wurde er mit aller Wucht köpflings abwärts gerissen, so daß er beim Fall des Wagens an einer Kante desselben seine Hirnschaale bedeutend verletzte und besinnungslos weggetragen werden mußte. Der Condukteur wurde durch den Fall vom Coupee hinaus geschleudert, fiel auf den rechten Arm und brach hiebei die obere Knochenröhre unmittelbar hinter der Hand. Beide wurden sofort in das hiesige Bezirkskrankenhaus verbracht u. dort ärztlich behandelt. Bei Kübler, dessen Hirnschaale einen Sprung erlitten hat, war anfangs Ales zu befürchten, doch hat er über Nacht ordentlich schlafen können und war dann am andern Tag (gestern) sein Zustand so gut als möglich. Beide Beschädigte brauchen übrigens längere Zeit, bis sie geheilt sind. Der Postwagen war mit denselben Waiblinger Postpferden bespannt, die jenen in letzter Zeit mehrfach nicht den hiesigen Berg hinaufbrachten und ihn hiebei jedesmal so weit zurückgehen ließen, bis er sich durch Anrennen an einem benachbarten Haus vor dem völligen Umstürzen rettete. Eine Abhülfe dieses den Schrecken aller Passagiere hervorrufenden Uebelstandes dürfte wahrscheinlich sehr angezeigt sein.“

Die Steigung an der Marktstraße in Backnang war also für Kutschen nicht so einfach zu bewältigen. Man erfährt, dass die Postkutsche schon mehrfach nicht so einfach geschafft haben, wodurch die Postkutsche rückwärts rollte und nur dadurch gestoppt wurde, dass sie an ein Haus prallte. Der Postillon wollte an diesem Abend wohl sichergehen und mit Anlauf die Marktstraße hinaufstürmen. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke ein paar Jahre später endete dann das Postkutschenzeitalter in Backnang.

Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer

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