Maifest 2026 in Heiningen | Dorfplatz, Backnang-Heiningen
Maifest 2026 in Heiningen | Dorfplatz, Backnang-Heiningen | © BJ. Lattner

Heilendes Kirchenjahr

Gedanken von Pfarrer Wolfgang Beck

„Heilendes Kirchenjahr”, so hat einmal in einem kleinen Büchle der Bendediktiner-Mönch Anselm Grün das christliche Jahr beschrieben. Er kommt von der Psychologie her, er hat über C. G. Jung studiert, und sagt darin, dass, wenn man das Auf und Ab des Jahres in Verbundenheit und im Glauben mitvollzieht, dann geschieht immer wieder so etwas wie Heilung, etwa in Sachen Leiden aushalten, Schuld und Vergebung, österliche Freude,Warten in Zeiten des Advents und der Fasten-und Passionszeit.

Gekreuzigter Christus neben der katholischen Kirche St. Johannes Baptist | Bahnhofstraße 26, Backnang
Gekreuzigter Christus neben der katholischen Kirche St. Johannes Baptist | Bahnhofstraße 26, Backnang | © BJ. Lattner

 

Und dieses Kirchenjahr vereint auch tatsächlich noch alle christlichen Konfessionen: protestantische Christen, Orthodoxe Christen und Katholiken und selbstverständlich auch die Freikirchen. Das Kirchenjahr gehört quasi zu unserer Kultur. Freilich gibt es auch in anderen Religionen feste Zeiten, wie etwa der Ramadan der Muslim, oder das Frühlings-und Neujahrsfest bei den Persern. Manchmal, so etwa gerade bei den Persern, haben sich Festdaten gehalten, auch unabhängig von der Religion. Das finde ich bemerkenswert. In unserem Kulturkreis fällt mir dazu zunächst der erste Mai und das Neujahrsfest ein, beides haben wir von den Römern übernommen.

Ich meine, das älteste Festdatum ist der Frühlingsvollmond, der ist auch älter als das jüdische Pesachfest, das mit der Kreuzigung Jesu zusammenhängt, und das viele Kulturen auch in Asien feiern. 

Ein archaisches Datum ist auch die Sonnenwende im Winter, an dem wir Christen Weihnachten feiern, zwar von Kaiser Konstantin so festgelegt, aber er hat bewusst das Fest des Sol invictus, den Mitraskult aus Persien und die Geburt Jesu zusammengelegt, wenn quasi die Nacht am längsten ist. 

Auch die Sommersonnwende hat etwas Archaisches, wir Christen feiern den Sommerjohannes, die Geburt Johannes des Täufers, aber das Datum verweist mit dem Johannesfeuer, den Johannisbeeren, die Begrenzung der Spargel und Erdbeerzeit und die Erlaubnis von dort ab Erntefeste zu feiern, (auch das Backnanger Straßenfest nützt genau dieses Datum) auf ebenfalls etwas Vorchristliches. 

Auch das Winterende wird gefeiert, im Christentum mit dem Beginn der Fastenzeit und der Fasnet mit allerlei Bräuchen, die zum Teil unabhängig von der Fasnet entstanden sind. Was ich sagen will, auch unser christlicher Kalender trägt vorchristliche Festspuren mit, die das Jahr aufteilen.

Nun will ich aber noch den christlichen Kalender kurz erklären: 
Das einzige variable Datum ist Ostern: der Sonntag nach dem Samstag des Frühlingsvollmondes. 40 Tage davor, die Sonntage ausgenommen, die Fasten- oder die Passionszeit, beginnend mit Aschermittwoch. 40 Tage danach Christi Himmelfahrt, 50 Tage nach Ostern Pfingsten – das erste jüdische Wallfahrtsfest nach Pesach, und deshalb Grund für die Jünger, sich da auf Wallfahrt in Jerusalem nach dem Tod Jesu zu treffen.

Dann ist der Hauptfestkreis abgeschlossen mit dem Fest Dreifaltigkeitssonntag oder Trinitatis, was genau dasselbe meint. Für die Katholiken ist 10 Tage nach Pfingsten noch Fronleichnam, eine Verlängerung von Gründonnerstag. Nun habe ich die Logik des Weihnachtsfestkreises noch nicht erklärt.

St. Martin ist am 11. November, da kehrten früher die Hütekinder zurück und man war zuhause, schlachtete wie an Fasching das Vieh, freute sich an der Ernte und aneinander. Das Jahr ging der Brache entgegen. 

Dann begann die weihnachtliche Zeit, mit dem Advent auch wieder eine Fastenzeit. Im Dezember war Weihnachten, so festgelegt von Kaiser Konstantin, freilich durch die Zeitverschiebungen und Kalenderreformen nicht mehr am kürzesten Tag im Jahr. 

Frühes 16. Jh. Sühnekreuz „Schuhmicheleskreuz“, Gewann Hinterer Seelach, Backnang
Frühes 16. Jh. Sühnekreuz „Schuhmicheleskreuz“, Gewann Hinterer Seelach, Backnang | © BJ. Lattner

 

Der 6. Januar war mit Epiphanie, früher sagten die Katholiken Dreikönig, wieder ein Einschnitt, den wir eigentlich dem alten Ägypten verdanken. Denn am 9. Januar wurden noch vor dem Christentum in Ägypten die Flüsse gesegnet, das ist das älteste Weihnachtsdatum – und die koptischen Christen feiern es noch immer.
40 Tage nach Weihnachten ist das Fest der Darstellung des Herrn im Tempel, früher Maria Lichtmess. – Die Zahl 40 rührt aus dem Jüdischen: 40 Tage war Noah unterwegs, 40 Jahre wanderte Mose durch die Wüste, 40 Tage war Elija unterwegs, um den Bund Gottes aufzukündigen.

Am 15. August feiern die Katholiken Maria Himmelfahrt, mit einem heidnischen Brauch verbunden, der Kräutersegnung und der Kräuterweihe. Da sollen die Kräuter die größte Heilkraft haben. Meine Mutter hat da tatsächlich auch immer die Kräuter gesammelt, die sie für ihre Tees brauchte. Das nächste größere Fest ist dann Allerheiligen, die evangelischen Christen feiern zwei Sonntage später den Totensonntag und auch den Buß- und Bettag am zweiten oder dritten Mittwoch im Monat November.

Unser Jahr ist also durchaus auch gewoben aus christlicher Kultur, aber auch aus vorchristlicher. Und ich finde das eigentlich sehr schön, dass das Christentum so hineinverwoben ist in die Gesellschaften und die Erde. Und mir gefällt auch der Gedanke von Anselm Grün: Heilendes Kirchenjahr, auch heilendes Jahr, wenn man es bewusst auch in unserm Kulturkreis mitvollzieht. Schade, dass in den Nachrichten da nicht so sehr darüber nachgedacht wird.

Quelle: Katholische Kirchengemeinde Backnang | Pfarrer Wolfgang Beck

Redaktion backnang.online

Zurück zur Übersicht