Wir sind vor allem Nachfolger der Täterinnen und Täter
Fachtagung des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung für Lehrkräfte im Rems-Murr-Kreis zum Nationalsozialismus in der Region Backnang
Eine Fachtagung mit dem Ziel, Anregungen zu geben, wie lokale oder regionale Vorgänge in den Geschichtsunterricht eingebaut werden können, veranstaltete das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung des Landes Baden-Württemberg am 26. Februar in Zusammenarbeit mit der Stadt Backnang im Technikforum in Backnang. Konkret ging es um den Nationalsozialismus in Backnang und der Umgebung als Unterrichtsthema vor dem Hintergrund der Demokratiebildung.
Oberbürgermeister Maximilian Friedrich erinnerte sich in seinem Grußwort an den eigenen Schulunterricht und einen Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. Er bedauerte, dass in dem Unterricht, den er erlebt habe, keine Bezüge zur Region vorgekommen seien. Gerade deshalb freue er sich, dass die Veranstaltung in Backnang stattfinde und hoffentlich den anwesenden Lehrern viele Anregungen geben werde. Für die Schüler sei aber auch die Einsicht wichtig: „Wir können nichts für die Ereignisse der Geschichte, aber wir sind verantwortlich für Gegenwart und Zukunft.“
Der Backnanger Stadtarchivar Dr. Bernhard Trefz gab einen Überblick zur Backnanger Geschichte in den 1920er- und 1930er-Jahren im Hinblick auf das Aufkommen der NSDAP. Er ging besonders auf die wegen der Arbeiterschaft starke KPD ein, was sich selbst bei den Reichstagswahlen 1933 noch zeige. Die Etablierung der NSDAP sei 1933 mit der Umbesetzung des Gemeinderats erfolgt, der dann nur noch aus entsprechenden Parteimitgliedern bestanden habe. Er stellte einige der Akteure wie den Kreisleiter Alfred Dirr vor.
Im zweiten Teil seines Vortrags ging Trefz auf die Opfer ein. Die zahlenmäßig größte Gruppe an Todesopfern waren die in Grafeneck ermordeten Euthanasieopfer. Außerdem habe sich in Backnang eine große Anzahl an Zwangsarbeitern befunden, die in der Industrie und in den nach Backnang verlagerten Produktionen von Daimler und anderen Stuttgarter Firmen tätig gewesen seien.
Matthias Fellinghausen gab in seinem Referat Impulse zu regionalen Themen im Unterricht und ihre Bedeutung für die Demokratiebildung. Er stellte auch die Homepage des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung mit zahlreichen dort hinterlegten Materialien vor. So finden sich dort auch Unterlagen zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Backnang.
Prof. Dr. Gerhard Fritz ging dann konkret darauf ein, welche Möglichkeiten ein Stadtarchiv als Quellensammlung für den Geschichtsunterricht bieten kann. Er machte klar, dass man die Schüler nicht durch zu umfangreiche Themen überfordern dürfe. Vielmehr müsse es ein möglichst klein gestecktes Thema sein. Er empfahl die Auswertung historischer Tageszeitungen. Quellenarbeit mit den Akten scheitere oft schon an der für die Schüler nicht lesbaren deutschen Schrift.
Zwei Vorträge behandelten Einrichtungen in der Nähe Backnangs. Heinich Lindauer stellte das Polizeigefängnis der Gestapo in Welzheim vor, das auch als KZ Welzheim bekannt ist. Das Gebäude, das ehemalige Oberamtsgefängnis, steht zwar nicht mehr. Neuerdings gibt es aber einen kleinen Gedenkraum mit einer Ausstellung zur Geschichte. Unter den zahlreichen Gefangenen hob er besonders die Brüder Schlotterbeck hervor. Friedrich Schlotterbeck überlebte die Haft und veröffentlichte später seine Erinnerungen. Der andere wurde am Ende des Dritten Reichs erschossen. Nach dem ermordeten Hermann Schlotterbeck ist inzwischen ein Platz in Welzheim benannt. In der Nähe der Stadt befand sich im Wald auch ein Hinrichtungsplatz im sog. Henkerssteinbruch. Auch dort ist heute eine Gedenkstätte.
Dr. Sonja-Marie Bauer befasste sich mit dem Arbeitserziehungslager im ehemaligen Hotel Ritterburg in Rudersberg. Es handelte sich um eines von etwa zweihundert Arbeitserziehungslagern der Gestapo in Deutschland. Bauer hob hervor, dass die Lager in der Regel in der Nähe kriegswichtigen Fabriken eingerichtet wurden. In Rudersberg waren dies die Holzwerke Horn, in denen die Zwangsarbeiterinnen ab 1942 Munitionskisten herstellen mussten. Die Firma erlebte im Zweiten Weltkrieg eine große Umsatzsteigerung. Bauer betonte, dass bei vielen Firmen ein „Kriegswirtschaftswunder“ durch die Zwangsarbeiter erfolgt sei. Der Umbau des Gebäudes erfolgte durch Häftlinge des Polizeigefängnisses Welzheim. Brutaler Leiter war 1943 Emil Held, zuvor Aufseher in Welzheim. Friedrich Schlotterbeck bezeichnete ihn als einen der „qualifiziertesten Schläger“. Auch unter den Aufseherinnen taten sich einige durch besondere Brutalität hervor, etwa Luise Berta Ballreich und Gertrud Gönnenwein. Sie hob hervor: „Wir sollten uns davor hüten uns in die Reihe der Opfer einzureihen. Wir sind vor allem Nachfolger der Täterinnen und Täter.“
Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs mit der Besetzung Backnangs durch US-amerikanische Truppen betrachtete Klaus J. Loderer. Er ging darauf ein, wie die Eroberung der Region durch die 397. und 399. US-Division erfolgte und wie in Backnang einige Männer des Volkssturms versuchten eine friedliche Übergabe der Stadt zu erreichen, indem sie Fritz Munz und Hermann Krimmer als Parlamentäre ins Lautertal schickten. Eine Verhinderung der von Soldaten der Wehrmacht durchgeführten Sprengung der Brücken gelang nicht. Es entspann sich eine Diskussion darüber, ob man dies als Widerstand bezeichnen könne.
Auf die Gestaltung der Erinnerungsorte für die beiden Weltkriege und ihre Aussagen in Zusammen mit den jeweiligen politischen Systemen und unter Einbindung in die Traditionen der Kriegsdenkmäler ging Ernst Hövelborn ein.
Redaktion backnang.online