Ein Interview mit Tobias Großmann
Tobias Großmann | © BJ. Lattner

Das Gebiet Backnang West und die IBA ’27

Ein Interview mit Tobias Großmann, Leiter des Stadt Planungsamts der Stadtverwaltung Backnang

Die Stadt Fellbach hat ihr Engagement bei der IBA beendet. Bleibt die Stadt Backnang Partnerin der IBA ’27?
Ja, ganz klares Ja. Weil wir eines der wenigen fertigen und bereits bezogenen Projekte am Blütengarten präsentieren werden. Und weil wir mit Backnang West und dem Erreichten zwar noch nicht baulich aber was die Planungen am Fluss angeht und auch 2027 präsentieren oder einen fachlichen Diskurs anregen möchten. Und weil wir davon ausgehen, dass die IBA in der Region für bestimmte Projekte verlängert wird. Kurz gesagt: wir bleiben dabei.

Warum war der städtebauliche Wettbewerb international ausgerichtet?
Da haben wir uns unter die Kriterien gestellt, die dem Kuratorium und der Geschäftsstelle der IBA wichtig waren. Das war zu der Zeit – wir waren eines der ersten Projekte, das in einen großen Wettbewerb gegangen ist – der Wunsch, da das I in IBA für International steht. Dem haben wir uns verschrieben.

Hat die internationale Ausrichtung in unserem Fall einen Mehrwert gebracht?
Der Gewinner ist ein deutsches Büro, ein Konsortium in Berlin und Hamburg, dessen Gründer sogar teilweise aus dem Schwäbischen kommen. Das Büro ist also noch lokaler als auf dem Etikett steht. Von daher also für die Umsetzung nicht. Die Diskussionen anhand der Entwürfe, die aus New York und Singapur eingereicht wurden, war im Preisgericht hochspannend. Von den vierzig damals eingereichten Arbeiten kamen etwa zwanzig von außerhalb Deutschlands und davon etwa zehn aus Übersee.

War der Bestand in die Wettbewerbsgrundlage einbezogen oder durften die Büros alles abreißen?
Der Bestand war mit einbezogen. Das war Vorgabe der IBA aber auch unser Wunsch. Den Wettbewerbsunterlagen lag eine Ersteinschätzung eines Fachmanns bei. Die Planungsbüros waren dann aber frei, wie sie damit umgehen, was Sanierung oder Umnutzung angeht.

Wie viel Bestand war im Siegerentwurf?
Der Siegerentwurf hat einige vorhandene Gebäude übernommen. Dazu gehören das Technikforum, die alte Hodum-Fabrik, die Gebäude auf dem Riva-Gelände unterhalb der Schöntaler Straße und fast der komplette Bestand in den Lederwerken. Da sollten viele Bestandsobjekte erhalten werden.

Wie wird es mit dem Hodum-Gebäude weitergehen?
Beim Hodum-Gebäude wurde einige Zeit leidenschaftlich eine Umnutzung und Aufstockung diskutiert. Die Stadtverwaltung wäre sogar bereit gewesen, auf der Basis des Rahmenplan dies ohne Bebauungsplan zu ermöglichen. Der Eigentümer hat dann allerdings aus wirtschaftlichen Gründen die Planungen auf Eis gelegt.

Wie war die Stadtverwaltung mit den Wettbewerbsergebnissen zufrieden?
Mit dem Gewinnerentwurf sind wir sehr zufrieden. In der Jurysitzung war die Verwaltungsspitze mit dabei. Auch die Fraktionen des Gemeinderats waren vertreten. Auch die Eigentümer waren mit im Preisgericht. Der erste Preisträger hat sich dann nach längeren Diskussionen als derjenige herausgestellt, der für alle Beteiligten den größten Mehrwert geboten hat. Dann kam die Überarbeitungsphase, denn es gab wie immer bei städtebaulichen Wettbewerben keine eins zu eins umsetzbare Lösung. Die Überarbeitungszeit dauerte ein Jahr. Wir haben dann im Technischen Ausschuss auf der Basis des Gewinnerentwurf einen – ich meine sogar – einstimmigen Beschluss für den Rahmenplan bekommen. Wir sind mit dem Entwurf sehr zufrieden, weil der Gewinnerentwurf auch gewässerökologisch und was die Flussdynamik angeht die beste landschaftsplanerischen Lösungen bietet und weil er mit den drei vorgeschlagenen Stadtquartieren auch Stadtbausteinen definiert, die man sich heute schon für eine Durchführung bis 2040 vorstellen kann. Die drei Hochpunkte wurden damals kontrovers diskutiert, davon blieb im inzwischen vom Gemeinderat beschlossenen Rahmenplan nur ein Hochpunkt übrig. Der Siegerentwurf bietet also viel Potential für die Stadt.

Wie sehen die aktuellen Planungen aus?
Es wurden drei Stadtquartiere entwickelt. Beim Gebiet der ehemaligen Lederwerke setzt sich der Eigentümer Kaess sehr stark mit dem Bestandserhalt auseinandersetzt. Vor der IBA gab es dort die Idee das Gebiet komplett abzuräumen und Bauland für Wohnungen zu schaffen. Durch die IBA ist das Bild gereift, dass der Gewerbehof, der sich dort entwickelt hat, erhalten bleibt und perspektivisch ausgewertet wird. Es gab dort zwei Architekturwettbewerbe, die der Eigentümer mit finanziert hat. Der eine setzte sich mit dem Gebäude über dem alten Mühlkanal auseinander. Da wäre es schön, wenn die Konzeption aus dem Wettbewerb herauskam, umgesetzt werden kann. Dafür werden wohl gerade die ingenieurtechnischen gutachterlichen Vorarbeiten erarbeitet. Die beiden Gebäudeflügel sollen freigestellt werden, damit eine deutliche Lichtfuge entstehen kann. Denkbar wäre eine Aufstockung. Im rückwärtigen Bereich des Geländes soll eine Erweiterungsmöglichkeit geschaffen werden für ein Unternehmen, das im Stammgebäude seinen Sitz hat.

Wir wollen weiterhin, dass dort gearbeitet wird. Wir sehen es positiv, dass dort in den letzten Jahren weitere Arbeitsplätze entstanden sind. Herr Kaess und die Stadtverwaltung konnten durch die Workshops einiges über die mögliche Zukunft des Areals lernen konnten. Er bietet dort flexible Entwicklungsmöglichkeiten, ohne das Gesamtkonzept der IBA aus den Augen zu verlieren. Er verbindet neu und alt. Für den vorderen Bereich des Areals wird die Zukunft in einer Umnutzung liegen. Diese Erkenntnis haben wir gemeinsam während des IBA-Wettbewerbs gewonnen. Insofern war die gemeinsame Teilnahme an der IBA für beide Seiten von Vorteil.

Wir haben ein Baufeld der Stadtwerke mit Aldi gemeinsam. Da sind wir auf Basis des Wettbewerbs in einen Vorentwurf gegangen. Diese sollen aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht weiter forciert werden. Im Bereich des großen Kaelble-Areals wartet die Stadtverwaltung auf Vorschläge des Eigentümers Püttmer. Wir sind in Vorleistung gegangen mit dem städtebaulichen Wettbewerb. Nun sollte Herr Püttmer einen Vorentwurf und Untersuchungen zu Altlasten, Baugrund usw. vorlegen. Die letzte Abstimmung zwischen uns drehte sich um Werkswohnungen. Nun liegt der Ball bei ihm.

Wie sieht es mit der Umsetzung des Hochwasserschutzes aus?
Der Bereich Backnang West hat einen planfestgestellten Hochwasserschutz – wie die gesamte Stadt. Der technische Hochwasserschutz würde allerdings bei einer Umsetzung bedeuten, dass er keinerlei städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten würde. Der Gewinnerentwurf hat aufgezeigt, wie das Thema ökologischer Hochwasserschutz umgesetzt werden kann. Es geht darum, der Murr mehr Raum zurückzugeben. Wir haben uns mit den Eigentümern verständigt, dass wir eine Änderung der Planfeststellung erreichen möchten. Für das notwendige rechtliche Verfahren warten wir auf eine rechtssichere Grundlage. Das Land Baden-Württemberg ist zuständig für die Hochwassergefahrenkarten. Diese sind längst überfällig und sollen in etwa eineinhalb Jahren vorliegen. Wir warten darauf schon seit 2022. Diese sind für uns so wichtig, weil sie als rechtsverbindliche Planungsgrundlage darstellen. Wir haben zwei wesentliche vorbereitende Maßnahmen in der Bearbeitung. Es gibt eine Perspektive zur Entfernung des Kaess-Wehres, die eine wesentliche gewässerdynamische Verbesserung nach sich ziehen würde und Einfluss auf die Lage des Wasserspiegels hätte. Wir haben gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg die Landesstudie zu den Gewässern abgestimmt mit den Planungen, die aus dem städtebaulichen Wettbewerb entstanden sind. Insofern glauben wir, dass wir eine gute Voraussetzung geschaffen haben, um rechtssicher ins Planungsrecht zu kommen.

Wo wir gar nicht weiterkommen, ist das städtische Projekt des Murraueparks, den wir nach wie vor für eine überragende Vision für das Quartier halten. Die Murr machte ursprünglich einen größeren Bogen und wurde dann verlegt, wobei der Altlauf mit Ablagerungen und Schlacke zugeschüttet. Das soll wieder entfernt und eine gestufte Uferlandschaft als Park entwickelt werden. Gerade ist da ein großer Parkplatz. Der Wettbewerb sieht vor, dass die Stellplätze in ein neues Parkhaus verlegt werden. Der Bau eines Quartierparkhauses ist grundlegend, um die großen Stellplatzflächen im ganzen Gebiet Backnang West geschaffen werden kann. Da man der Murr in den letzten Jahrhunderten viel Platz genommen hat, möchten wir gerne diese Flächen als Auflächen reaktivieren. Das sehr gute Konzept ist aber gerade nicht umsetzbar, da wir nicht an die private Fläche kommen. Dadurch sind wir an dieser Stelle in der Planung blockiert.

Auch der Schlüssel für das Baufeld oberhalb der Wilhelmstraße diese Dinge liegt in privater Hand. Zuerst ist eine Lösung für die Stellplätze notwendig. Davor gibt es kein Planungsrecht. Erst wenn die Stellplatzfrage gesichert ist, können die städtebaulichen Ziele umgesetzt werden.

Das ist einer der Gründe, dass wir immer davon ausgegangen sind, dass eine Umsetzung für einen langfristigen Zeitraum zu betrachten ist. Es ist ein Missverständnis, sollte jemand davon ausgegangen sein, dass 2027 der Bereich Backnang West fertig sein könnte. Man muss sich vorstellen, das Gebiet ist dreimal so groß wie die Obere Walke. Wenn man nun schaut, wie lange es gedauert hat, die Projekte im Bereich Obere Walke zu verwirklichen, ist klar, dass es für Backnang West der Korridor 2040 wird. Aber klar: Wir hätten bei Backnang West 2027 gerne etwas gezeigt.

Das Prinzip des ökologischen Hochwasserschutzes – also Bauwerke, die man als Parklandschaft nutzen kann – soll bei Backnang West in noch größerem Stil umgesetzt werden und dann bekommt die Murr wieder mehr Platz zur Entfaltung.

Welchen Nutzen hat die IBA also für die Stadt?
Ohne die IBA und die damit verbundenen Unterstützungen wären wir nicht dazu gekommen, eine städtebauliche umsetzbare Vision für Backnang West zu bekommen. Deshalb sind wir froh, dass wir uns an der IBA beteiligt haben, weil wir zusammen mit den Eigentümern in einer ganz anderen Verbindlichkeit gemeinsam an der Vision arbeiten konnten. Die Erfahrung zeigt, dass in dieser Dimension drei oder vier Jahre nichts sind. Es kann sein, dass es an einer Stelle plötzlich schnell geht. Nach Jahren der vermeintlichen Nichtsichtbarkeit auf einmal Dynamik in die Prozesse kommt. Wir haben planungsrechtlich die Voraussetzungen geschaffen, dass wir die nächsten Jahrzehnte bei Backnang West guten Städtebau verwirklichen können.

Wie wurden denn die drei Millionen Euro Fördermittel verwendet?
Es handelt sich um Förderung die nationalen Projekte des Städtebaus mit einer Förderung von Projekten durch den Bund. Wir haben noch nicht das ganze Geld abgerufen. Manche sind an Investitionen geknüpft, da ist noch fraglich, ob wir sie abschöpfen können. Wir haben aber nahezu alle Mittel zur Vorbereitung von Investitionen abgerufen. Wir haben Herrn Kaess unterstützt mit einem städtebaulichen Qualifizierungsverfahren für das Fabrikgebäude 45. Wir haben die komplette Erschließungsplanung für das Areal mit Fördermitteln unterstützt. Dazu gehört auch die Hochwasserplanung. In dieser wurde das Leitbild der Schwammstadt übertragen, damit Oberflächenwasser erst zeitversetzt in die Murr fließt. Fördermittel flossen in die Planung einer neuen Brücke. Außerdem wurden Herrn Püttmer Investitionszuschüsse für das Hodum-Gebäude in Aussicht gestellt, wenn er ein Baugesuch vorlegt. Insofern sind wir froh, dass wir Planungen erarbeiten konnten, die künftig in Hinsicht auf die Finanzsituation der Stadt vielleicht gar nicht mehr möglich sind.

Redaktion backnang.online Klaus J. Loderer

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