„versprochen“ – 29 Ansichten von Kunst noch bis zum 26. April 2026
Ausstellung der Klasse Reto Boller in der Galerie der Stadt Backnang
Langjährige Beziehungen verbinden die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart mit der Galerie der Stadt Backnang. An der Akademie entstandene Künstlergruppen, dort lehrende Künstler und Studentengruppen waren schon im ehemaligen Turmschulhaus zu sehen. Die besonderen Räumlichkeiten mit ihrer kleinteiligen Struktur und dem hohen gotischen Chor sorgten nun für Herausforderungen und Inspirationen für die Klasse von Reto Boller, der seit 2007 als Professor für Malerei in der Fachgruppe Kunst an der Akademie tätig ist. 27 Vorstellungen von Kunst sind in der Ausstellung zusammengefasst. Die 25 Studenten haben auch ihren Professor und einen Werkstattleiter eingeladen mit auszustellen. Das ist durchaus ungewöhnlich.
Die Ansätze sind vielseitig. Von Malerei, Zeichnungen, Radierungen, Skulptur über Video und Klanginstallationen bis hin zu räumlichen Installationen reicht die Bandbreite. Erstmals ist auch das komplette Gebäude genutzt, denn auch der Turm ist mit einbezogen – allerdings sind diese Arbeiten nur zu speziellen Anlässen sichtbar. Jim Kunze und Tejzt haben den Dachstuhl im Turmhelm in ein magisches Kabinett verwandelt, in dem ein Ast schwebt und in den Geräusche aus dem Erdgeschoss übertragen werden.
Auch andere Installationen sind in der Auseinandersetzung mit den Ausstellungsräumen entstanden. Pia Treiber hat für „außer Dienst“ die von Dirk Schlichting bei einer früheren Ausstellung mit Holzimitationen bis zum Boden verlängerten gotischen Dienste wiederverwendet und nun auf dem Fußboden des Chors ausgelegt. Für den in der Mitte des Chors aufgeschichteten Kubus hat Elisa Lohmüller die Sandsteine mit Rotwein eingefärbt. Das Werk heißt „erröten“. Auch wenn sie den Begriff Altar vermeidet, hat sie doch instinktiv genau dieses fehlende Objekt im ehemaligen Chorraum rekonstruiert. Und auch Paul Cortots raumhoch aufragende Holzkonstruktion mit bemalten Leinwänden gemahnt irgendwie an einen gotischen Flügelaltar oder ein Sakramentshaus.
In die Achse des Gebäudes, wenn auch im ersten Stock, hat auch Jakob Mayer sein durchaus an ein Taufbecken erinnerndes Objekt gestellt, mit dem er einen historischen Ansatz verwirklicht. Das Brunnenmotiv ist bewusst gewählt, stammt das verwendete Material doch von einem abgetragenen Wasserspiel an der Kunstakademie. Und die gluckernde Geräuschkulisse dokumentiert das Originalplätschern dieses Brunnens.
Jim Kunze ist da noch deutlicher mit einem verfremdeten sakralen Zitat in Form eines vergoldeten Objekts im durch eine Glasscheibe verschlossenen Zugang zur Wendeltreppe. Er zitiert die Form des „heiligen Rocks“ in Trier. Schaut man genau hin, entdeckt man in der Mitte dieser „Reliquie“ die kleine Zeichnung einer Hand, die gerade eine Scheibe einschlägt. Diese unterschwellige Brutalität zeigt Jim Kunze auch in drei kleinen Bronzeskulpturen im ersten Stock. Diese liegen in drei kleinen Waffenkoffern. Man mag bei den Bronzeobjekten an kleine Musikinstrumente denken, doch könnte man sie auch mit Schlagringen assoziieren.
„Gewicht des Lichts“ ist eine Installation von Eunjeong Kim im Erdgeschoss mit einem Tisch und einem Stuhl vor einem Bild an der Wand. Das auf dem Bild einfallende Licht fällt in den grellgelben Tennisbällen gewissermaßen auf den Boden. Eine witzige Installation ist „Hosen runter“ von Anna Lena Joos mit auf den Boden gestellten zerknautschten Jeanshosen. Wirkt die massige Figur „Dichotomie“ von Manuela Sudermann auf den ersten Blick wie aus weißem Marmor ist sie doch aus Styropor. In „Willst Du?“ spielt Julia Hammerbacher mit Edlem und Unedlem: Eine Prinzessin macht einen Heiratsantrag, doch ist der goldglänzende Rahmen doch nur aus Pappe. Von ihr ist im zweiten Stock die Installation „cœur“ mit 25 im Carrée aufgestellten Plüschtieren. Was auf den ersten Blick niedlich aussieht, entpuppt sich schnell als komplizierter, da Hammerbacher die Plüschtiere teilweise zerschnitten und neu zusammengenäht hat.
Eine auffällige Installation im ersten Stock ist „Wir waren mal ein Kreis“. Paulina Lange hatte diese Skulpturengruppen aus großen weißen Händen eigentlich so geplant, dass sie als Ringelreihen gruppiert werden. Doch wurde schließlich ein Haufen daraus. Julie Schermann beschäftigt sich mit Geflechten. In der Reihe „plásma“ bildet sich Netze ab, doch bildet sie in „reminiscence“ ein solches aus Silberdraht.
Es sind Werke ausgestellt von Lukas Beyer, Reto Boller, Noah Boucard, Ahyun Cho, Paul Cortot, Leandro Cultraro, Ella Dümpelfeld, Julia Hammerbacher, Maki Ic, Anna Joos, Eunjeong Kim, Hyein Kim, Jim Kunze, Paulina Lange, Elisa Lohmüller, Jakob Mayer, Daniel Mijic, Janosch Müller, Jihye Ryu, Jonna Saranka, Jule Schermann, Tessa Schmidt, Manu Sudermann, Tejzt, Pia Treiber, Philipp Wild und Luis Zirkelbach.
Die Ausstellung ist bis zum 26. April 2026 in der Galerie der Stadt Backnang im ehemaligen Turmschulhaus zu sehen.
Redaktion backnang.online Klaus J. Loderer