Haus der Barmherzigkeit errichtet 1902/04
Alten- und Pflegeheim Staigacker
Auf einer Anhöhe über dem Murrtal gelegen.
Die von Königin Olga 1864 gegründete Stiftung Wildberg, die ab 1873 auch ein Haus in Esslingen am Neckar betrieb, erwarb 1902 den Staigacker. In der Folge entstanden das Haus der Barmherzigkeit, das Waschhaus und das Acetylengas-Bereitungsgebäude von nach Plänen des Backnanger Oberamtsbaumeisters Christian Gottfried Hämmerle. Der ehemalige Gasthof wurde als Wohn- und Ökonomiegebäude erweitert. Das Haus der Barmherzigkeit kostete 275.000 Mark und wurde am 18. Juli 1904 bezogen. Am 11. September 1904 fand die Eröffnung statt.
Der mächtige viergeschossige Bau mit Satteldach ist durch zwei auf der Talseite wenig, auf der Eingangsseite stark vortretende Kopfbauten mit Krüppelwalmdächern eingefasst, während die Mitte durch einen breiteren Bau mit einem die anderen Dächer überragenden Krüppelwalmdach betont ist. Die Mitte des Baus ist talseitig auch noch durch einen kleinen, mit Kupfer verkleideten Dachreiter mit welscher Haube und Wetterfahne hervorgehoben; in der Mitte springt einachsig ein kleiner Vorbau in Höhe der beiden untersten Geschosse vor. An die Kopfbauten sind in den Winkeln zu den Längsflügeln Treppenhäuser angebaut. Dort befanden sich ursprünglich die diagonal gestellten Eingänge, zu denen Freitreppen mit geschwungenen Wangen führten.
Über einem hohen Sockelgeschoss ist das Hochparterre in Sichtziegelmauerwerk ausgeführt und oben von einem schmalen Sandsteingesims abgeschlossen. Die Gestaltung des Baus ist schmucklos und schlicht: Die verputzten Wandflächen des ersten und zweiten Stocks und in den Giebeln sind mit Ziegellisenen eingefasst. An den Seitenfassaden und am Mittelbau sind die Lisenen dichter und rahmen jede Achse. Dezente Gestaltungsdetails sind die Rundbogenfriese an den seitlichen Krüppelwalmgiebeln. Außerdem gehen in den Giebeln die Lisenen in einen Bogen über. Am Mittelbau geht aus den Ecklisenen im Giebel auf beiden Seiten ein halber Spitzbogen hervor, während das mittlere Wandfeld von einem Korbbogen überfangen ist. Die Fensterformen sind unterschiedlich: Rechteckfenster im Sockelgeschoss, Korbbogenfenster im Hochparterre, Segmentbogenfenster im ersten Stock Rundbogenfenster im zweiten Stock. Der Mittelbau ist durch besondere und vielfältigere Fensterformen hervorgehoben, etwa breite Korbbogenfenster im Hochparterre. Darüber sind dreiteilige Fenster mit Werksteinelementen. Diese sind über zwei Geschosse zusammengefasst und über dem zweiten Stock mit einem Überfangbogen aus Ziegelmauerwerk und Schlussstein versehen.
Das Haus der Barmherzigkeit ist ein in die Landschaft wirkendes markantes Gebäude auf einer Anhöhe über dem Murrtal. Es ist ein Beispiel eines Altenheims aus dem frühen 20. Jahrhundert und damit einer wichtigen sozialen Einrichtung im Murrtal.
Information über den Architekten Christian Gottfried Hämmerle
Seinen Spitznamen „Türmlesbauer“ erhielt Christian Gottfried Hämmerle (1843 – 1916) in Backnang wegen seiner historistischen Bauten, die er tatsächlich oft mit Erkern und Türmen verzierte. Nach dem Abschluss der Baugewerkeschule war er ab 1871 Stadtbaumeister in Murrhardt und ab 1876 Oberamtsbaumeister in Backnang. Zu den von ihm geplanten Gebäuden in Backnang gehören neben zahlreichen Wohn- und Gewerbebauten die Friedhofkapelle auf dem Stadtfriedhof und das Zentralschulhaus (heute Pestalozzischule). Weitere Bauten sind die evangelische Kirche in Hohnweiler und das Sanatorium Wilhelmsheim. 1884 gehörte er zu den Gründern des Altertumsvereins für das Murrthal und Umgebung (Vorgänger des Heimat- und Kunstvereins Backnang).
Redaktion backnang.online KLaus J. Loderer