Autihaus Mulfinger in der Stuttgart Straße, Backnang | © BJ. Lattner
Autohaus Mulfinger in der Stuttgart Straße, Backnang | © BJ. Lattner

Zum 28. Mal einmalig: Das Classic Ope(r)n Air in Backnang | Teil 2

backnang.online im Gespräch mit Markus Mulfinger | Rainer Roos | Thorsten Büttner

Heute erscheint der zweite Teil des Interviews zum diesjährigen Classic Ope(r) Air mit Markus Mulfinger, Rainer Roos und Thorsten Büttner

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Welche Beziehung haben Sie untereinander, meine Herren Herr – Markus Mulfinger, Herr Rainer Roos und Thorsten Büttner? 

Rainer Roos
Also Thorsten habe ich unbewusst kennengelernt: Als ich von 1991 bis 1995 als Korrepetitor an der Stuttgarter Staatsoper engagiert war, parallel zum Studium, war Thorsten Mitglied im Kinderchor der Staatsoper. Und er hat dann eines Tages gesagt: „Ach, du warst der junge Pianist damals!“ In dieser Zeit dann habe ich auch, bedingt durch den frühen Tod meiner Mutter, die eine Privatmusikschule in Burgstetten hatte, einige Klavierschüler übernommen. Unter diesen Klavierschülern waren Markus Mulfinger und seine Schwester Bettina. Und solange der Klavierunterricht noch neben meinen Engagements und dem Studium möglich war, habe ich das bis 1995 gemacht. Da der Beruf des Dirigenten es durchaus erfordert, dass man eben Schwaben, seine Heimat, verlässt, um einen gewissen künstlerischen Weg zu gehen, musste ich den Klavierunterricht dann aufgeben. Aber der Kontakt zu den Eltern von Markus, auch zu Bettina und zu Markus selbst, ist immer bestehen geblieben. Und überdies bin ich seit 1989 ununterbrochen Kunde im Autohaus Mulfinger. Damals war das ein Golf 1, 1989, den ich mit dem Kredit meiner Eltern gekauft hatte, aber der bei euch ein Gebrauchtwagen war, weil damals kein neues Auto für mich möglich war . So habe ich 1989 mein erstes Auto bereits hier in Backnang bei Mulfinger gekauft. Und ich fahre jetzt noch ein Auto vom Autohaus Mulfinger, das ist der BMW, der draußen steht. 

Markus Mulfinger | © BJ. Lattner
Markus Mulfinger | © BJ. Lattner

Markus Mulfinger
Dem ist nichts hinzuzufügen.

backnang.online
Das heißt, Sie waren damals schon mit dem Herrn Roos im Kontakt, quasi Sie als Schüler und er als Lehrer?

Markus Mulfinger
Ja.

backnang.online
Interessant. Daher auch die Affinität zur Klassik?

Markus Mulfinger
So weit hat es nicht gelangt bei mir. Nein, bei Weitem nicht.

Rainer Roos
Wir haben damals natürlich auch Mozart und Menuette und derartiges Repertoire gespielt am Klavier. Aber auch, sagen wir mal, leichtere Lieder, die ins Entertainment gehen, im Grunde auf einfacherem Niveau das, was jetzt auch das Classic Ope(r)n Air umfasst: Sowohl die sehr ernste Klassik als auch E- und U-Musik, die miteinaner ein wenig verschmelzen, ganz kurz auf den Punkt gebracht. Das habe ich damals auch schon als Klavierlehrer praktiziert.

Markus Mulfinger
Und heute langt es für den Hausgebrauch bei mir noch.

Thorsten Büttner:  
Ich habe, wie erwähnt, irgendwann Rainer Roos auch wieder durch Zufall getroffen. Da kam dann eben: „Ach, du warst der junge Pianist damals“, als ich im Kinderchor war. Wir haben uns vor elf Jahren kennengelernt, genau am 20. Juni vor elf Jahren. Ich weiß das noch, weil es, wie dieses Jahr, der Tag vor der Sommersonnenwende war. Da habe ich Rainer Roos das erste Mal getroffen und zum ersten Mal  richtigen Kontakt gehabt durch Matthias Tosi, der ja auch jetzt wieder mit uns auf der Bühne stehen wird, mit dem Rainer Roos damals zuvor schon gut befreundet war. Ich hatte einen Einspringer in Augsburg als Macduff in der Oper Macbeth, wo Matthias den Macbeth sang. Und natürlich, als er mitbekam, dass ich gebürtiger Backnanger bin, meinte er: „Ah, dann musst du meinen Freund, den Dirigenten Rainer Roos, kennenlernen.“ Und so haben wir uns kennengelernt, und vor zehn Jahren haben wir dann im Sommer 2016 die Oper  „Der Freischütz“ bei den Freilichtspielen in Zwingenberg gemeinsam gemacht. 

Rainer Roos
Ja, daran sieht man, die Künstlerwelt ist im Grunde eine kleine Welt. Das passiert ständig, dass sich dann wieder Wege kreuzen und man gemeinsame Bekannte hat. 

Thorsten Büttner
Und mein Auto ist tatsächlich mein Bezug zum Autohaus Mulfinger, das weiß Herr Markus Mulfinger vielleicht gar nicht: Draußen steht ein Mercedes, den ich noch über seinen Vater von Assenheimer- Mulfinger erworben habe und ich bin nach wie vor topp zufrieden mit dem Fahrzeug.

Markus Mulfinger
Ich selbst wusste es nicht, das ist richtig, aber der Vater hat mir das einmal erzählt. 

Rainer Roos
Das ist wieder eine Verbindung, deswegen sage ich, die Welt ist nicht so groß, wie man denkt. 

backnang.online
Kommen wir jetzt zu den Künstlern. Herr Roos, wie kamen Sie zur Musik? Bitte berichten Sie uns über Ihre künstlerische Arbeit und Ihren Werdegang.

Rainer Ross | © BJ. Lattner
Rainer Ross | © BJ. Lattner

 

Rainer Roos
Also tatsächlich bin ich mit der Musik quasi auf die Welt gekommen, da meine Mutter zur Zeit meiner Geburt als Musiklehrerin bei der städtischen Musikschule in Backnang angestellt war. Und da ich ein Kind der 70-er Jahre bin und es damals noch keine Horts und Kitas oder Kinderkrippen gab, bin ich sprichwörtlich einfach von Geburt an in den Musikunterricht meiner Mutter mitgenommen worden. Vormittags gab sie immer musikalische Früherziehung.Und so habe ich als krabbelndes Kleinkind sozusagen jeden Tag sechs bis sieben Stunden Musikunterricht gehabt, weil ich einfach mit dabei war. Ich habe quasi das Megapaket der musikalischen Früherziehung bekommen, ungefähr ca. 20 Stunden in der Woche. So habe ich mit drei und vier Jahren schon alle Flöten, die ich greifen konnte, gespielt, mit sechs Jahren mit Klavier angefangen und mit sieben Jahren kam die Violine dazu, mit acht die Kirchenorgel, mit elf habe ich auch noch Trompete gespielt, weil sie jemand im Burgstettener Posaunenchor auf der ersten Trompete gebraucht haben. Ich dachte mir, das sei ganz gut, wenn man das ein bisschen könne. Es hat mir Spaß gemacht, es war Hobby. Doch es gehört natürlich auch Begabung dazu, das „muss“ man dann irgendwie machen mit einer Hochbegabung. Sie hatten festgestellt, dass ich das absolute Gehör habe und so habe ich mich am Klavier relativ schnell entwickelt. Man hat eine gewisse Begabung festgestellt, die da war. Allerdings muss man dazu sagen, nur begabt sein, nur dabei sein, reicht dann auf Dauer nicht. Das ist harte Schule. Es bedarf täglichen Übens und ich hatte Eltern, die sehr streng darauf geachtet haben, dass ich auch geübt habe. So habe ich mit zehn, zwölf Jahren zwei Stunden am Tag die Instrumente geübt, während die anderen draußen kickten. Und ich hatte ja auf diesen Instrumenten ja wöchentlich auch Unterricht, zu dem man gehen muss. Am Taus-Gymnasium habe ich dann Abitur als Musikpreisträger  gemacht,  zeitgleich zum Abitur habe ich die Aufnahmeprüfung an der Hochschule gemacht. Ich hätte schon ohne Abitur Musik studieren dürfen, die Hochbegabtenprüfung hatte ich zuvor auch schon bestanden. Schließlich habe ich die Aufnahmeprüfung für Klavier in Mannheim gemacht, die eigentlich nur sozusagen als „Probe“ für die Aufnahmeprüfung in Stuttgart gedacht war. Doch diese Aufnahmeprüfung in Mannheim war der entscheidende Moment in meinem Leben. Die dortige Klavierprofessorin Frau Frei hörte mich und sah in mir noch mehr einen Dirigenten als einen Pianisten. Sie erzählte ihrem Mann von mir, Professor Thomas Ungar. Er war der leitende Professor für Dirigieren an der Musikhochschule Stuttgart, der dort die Kapellmeisterklasse hatte. Entgegen aller üblichen Vorgehensweisen und Regelungen wurde ich dann tatsächlich in die Kapellmeisterklasse aufgenommen, mit 18 Jahren als jüngster Student. Und so wurde ich zum Dirigenten. Meine drei erlernten Instrumente Klavier, Violine und Trompete kamen mir dabei entgegen, da ich so das Verständnis für die jeweiligen Instrumentengruppen im Orchester habe, darüberhinaus auf dem Klavier die Sänger begleiten kann und auch vertikal denken und sehr schnell die Partitur lesen bzw. erfassen kann, was für einen Dirigenten unerlässlich ist. Und so kam ich dann 1991 in die Staatsoper Stuttgart. Und schließlich begann meine Karriere als Dirigent.

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Wie kam es eigentlich zu der Veranstaltung Classic Ope(r) Air in Backnang? Berichten Sie doch mal von den Anfängen. 

Rainer Roos
Die Grundidee ist schon 1986/87 entstanden. Ich habe nach der 11. Klasse vom Max-Born-Gymnasium auf das Taus-Gymnasium gewechselt wegen des Musik-Leistungskurses, der nur dort angeboten wurde. Da ich in Burgstetten wohnte, von wo aus ich mit dem Zug nach Backnang gefahren bin, bin ich seit dieser Zeit immer vom Bahnhof in Backnang zum Taus-Gymnasium gelaufen, das praktisch am anderen Ende Backnangs liegt. Einen Bus gab es auch, aber da der Bus irrsinnig ungeschickt über Steinbach gefahren ist, war ich  genauso schnell oder manchmal schneller, wenn ich zu Fuß ging.  Ich sage scherzhaft immer, vielleicht bin ich der Mensch, der zu Fuß Backnang komplett so oft durchquert hat wie kein anderer.  Und so habe ich habe tatsächlich zwei Jahre lang, von Sommer 1986 bis Sommer 1988, täglich Backnang einmal hin und zurück komplett zu Fuß durchquert, und zwar über den Marktplatz.  Und jetzt kommt dazu, heute würde ich den Weg vielleicht zurücklegen und zwei Drittel der Zeit auf mein Handy schauen. Damals konnte einen keiner anrufen, es gab kein Handy, es gab einfach gar nichts. Ich bin einfach da eine halbe Stunde gelaufen und konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ich bin jedes Mal über diesen Marktplatz gelaufen und so reifte ein Traum oder die Idee in mir, auf diesem tollen Marktplatz einmal ein Konzert zu geben. Über das Dirigieren hatte ich da noch nicht nachgedacht, das kam erst später.  Ich dachte einfach, der Marktplatz sei eine super Location für ein Konzert. Doch das ist erst einmal wegen des Studiums und anderer musikalischer Tätigkeiten in den Hintergrund getreten. Da ich als Korrepetitor im Staatstheater Stuttgart dem Stuttgarter Staatsopernchor zugeteilt war, konnte ich über den damaligen Leiter des Bürgerhauses und den damaligen Kulturamtsleiter ein Konzert der besten Opernchöre im Backnanger Bürgerhaus veranstalten, das ich dirigiert habe mit dem legendären Harry Pleva am Klavier, dem „Vater“ des Montanara-Chors. Als ich 1995 gerade mein Studium beendet hatte und dann nach Heidelberg ans Theater gegangen war, habe ich dem Leiter des Bürgerhauses meine Idee unterbreitet und gesagt: „Wie schaut es aus mit einem  Konzert auf dem Marktplatz?“ Und er und der damalige Kulturamtsleiter sowie der damalige amtierende Oberbürgermeister Schmidt, studierter Bratschist im Übrigen, waren von der Idee begeistert, sind mit dem entsprechenden Enthusiasmus dahinter gestanden, und dann haben wir mit dreijähriger Vorlaufzeit und Unterstützung vom Autohaus Mulfinger das dann 1998 realisiert. Eigentlich war das als einmaliges Projekt vorgesehen. Aber es ist auf so gute Resonanz gestoßen bei Sponsoren, auf städtischer Seite, aber auch, und das ist das Allerwichtigste, von Publikumsseite her, dass sie sagten: „Könnt ihr das nächsten Sommer noch mal machen?“ Keiner hätte je gedacht, dass das so lange läuft, keiner. Ich bin der Stadt Backnang heute sehr dankbar, dass sie zweimal eine Ausnahme gemacht hat und das Classic Ope(r)n Air in der Woche nach dem Straßenfest stattfinden konnte, obwohl es üblicherweise immer eine Woche vor dem Straßenfest stattfindet. Einfach, weil es bei mir beruflich von den Engagements her nicht anders ging. Ich habe immer alles getan, um irgendwie das Classic Ope(r)n Air dirigieren zu können. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem ich die Welt-Open-Air-Premiere für Disney‘s „Die Schöne und das Biest“ auf dem Magdeburger Domplatz freitags abends dirigiert habe, samstags abends hier in Backnang das Classic Ope(r)n Air und am Sonntag Abend wieder in Magdeburg. Das zeigt, glaube ich, auch, dass mir das hier sehr wichtig ist und ich sage immer sofort allen Agenten und Konzertveranstaltern, drittes Juni-Wochenende, „heiliges“ Wochenende, Classic Ope(r)n Air. Bitte plant da kein Konzert mit mir. 

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Noch eine Frage: Was ist denn Ihr Trick, dass es so lange funktioniert hat? 

Rainer Roos
Der Trick? Ich weiß nicht, letzten Endes mache ich ja nichts anderes, als dass ich die Musik auf der Bühne präsentiere, die mir selber auch gut gefällt. Ich dirigiere nichts, was mir selbst missfällt. Und freue mich, wenn es die Menschen auch begeistert. Ich sehe aber tatsächlich auch einen Kulturauftrag dahinter, das finde ich ganz wichtig. Und für mich ist eine gute Resonanz, wenn einerseits die Leute, die an sich nur klassische Musik hören, sagen: „Ja, ich fand jetzt den ersten Teil ganz toll, aber der zweite Teil war auch ganz gut.“ Oder Leute, die jetzt vielleicht nur in den zweiten Teil gehen würden, anschließend zu mir kommen und sagen - das habe ich jetzt mehrfach schon gehört: „Rainer, du hast mich zur klassischen Musik gebracht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, Oper zu hören oder mir klassische Musik anzuhören. Das ist dein Ope(r)n Air, das mich zur klassischen Musik gebracht hat.“ Also wir erfüllen da einen Kulturauftrag zu beiden Seiten. Und für mich selbst ist es eben meine Natur. Ich habe von klein auf die E-Musik genauso geliebt wie die U-Musik. Das gibt es tatsächlich relativ selten. Aber es war schon bei mir als Kind so, und es ist bis heute auch so geblieben. In Stuttgart galt ich dann in meinem dem dritten, vierten Jahr als Spezialist für zeitgenössische Musik. Doch ich war auch Assistent in Bayreuth, ich habe Wagner geliebt, ich bin ein großer Fan von Richard Strauss, von den Opern. Und genauso natürlich von Mozart und allem anderen, habe Jugend musiziert gewonnen mit der Klaviersonate von Edvard Grieg. Und genauso habe ich immer sehr, sehr gern Unterhaltungsmusik gehört, alles. Auch Schlager. Aber auch Grönemeyer und Phil Collins usw. Das habe ich mir dann als meine Spezialität auch zu eigen gemacht, dieser Cross-Over-Bereich, von der ernsten Oper über die Operette und das Musical, das die ganze U-Musik heutzutage vereint, in der zeitgenössischen Form des Musiktheaters. Und das ist das, was wir beim Classic Ope(r)n Air auf die Bühne bringen. Es gefällt mir sehr gut, wenn dann von Jung bis Alt in das Konzert gehen, und für jeden ist was dabei, und wenn wir dann die Herzen der Menschen mit unserer Musik erreichen. 

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Sie arbeiten ja auch über die Grenze von Backnang hinaus. Was sind denn so Ihre Engagements? Sie sind auch Kapellmeister in Wien. 

Rainer Roos
Seit Herbst 2009 bin ich Chefdirigent der Strauss Kapelle Wien, das Orchester, dessen Gründung auf Johann Strauss‘ Vater zurückgeht, und das einzige Orchester weltweit, das in den originalen Kostümen auftreten darf und die Stadt Wien weltweit repräsentiert. Das ist eine interessante Parallele zu Friedrich Schiller, der dieses Jahr beim Classic Oep(r)n Air unser Hauptthema ist: Auch ich habe Schwaben verlassen und bin hinaus in die weite Welt, ohne den Kontakt zur Herkunft zu verlieren. 

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Es gibt neben Thorsten Büttner noch andere Solisten beim diesjährigen Classic Ope(r)n Air. Können Sie uns diese kurz vorstellen? 

Rainer Roos
Xenia von Randow wird dabei sein, das ist eine Solistin, mit der ich seit 2015 zusammenarbeite. Ich habe sie sehr jung entdeckt, da war sie noch Studentin. Es ist so, dass man ein Netzwerk an Künstlern hat, bei denen auch auch die Wellenlänge passt. Man muss sich auch auf privater Ebene gut verstehen, wenn man gemeinsam musiziert. Und da gehört eben Xenia dazu, und die Anforderungen dieses Mal mit dem Thema „Schillernde Opern“ passen zum Stimmfach von Xenia. Deswegen habe ich sie sehr gerne dazu eingeladen, wieder in Backnang zu singen. Sie war auch schon mehrfach da beim Ope(r)n Air. Zum ersten Mal dabei ist Sharon Isabel Rupa. Sie ist ein Pop-Sopran, die im Musicalbereich unterwegs ist. Sie hatte sich bei mir beworben zu meiner Zeit, als ich Intendant der Schlossfestspiele Zwingenberg war, damals für die Rolle der Ines in dem Musical „Zorro”. Und seitdem kenne ich Sharon und wir werden wir uns zum ersten Mal seit knapp zwei Jahren wiedersehen. Und ich freue mich sehr, dass sie zugesagt hat, nach Backnang zu kommen. Und dann Matthias Tosi, das ist von den Künstlern, die dieses Jahr dabei sind, derjenige, den ich am längsten kenne. Matthias sang in Österreich in einer Sommerproduktion von Don Giovanni die Rolle des Leporello. Wir kennen uns jetzt seit 21 Jahren. Und dann natürlich Thorsten Büttner. Seit 10 Jahren sind wir gemeinsam unterwegs. Matthias Tosi hat uns zusammengebracht, obwohl ich in Burgstetten aufgewachsen bin und Thorsten in Nellmersbach.

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Zum wievielten Mal singst du jetzt in Backnang, Thorsten? 

Thorsen Büttner | © BJ. Lattner
Thorsen Büttner | © BJ. Lattner

 

Thorsten Büttner
Also insgesamt in Backnang das dritte oder vierte Mal. Es ist das zweite Mal beim Classic Ope(r)n Air. Ich habe auch zumindest einmal das Neujahrskonzert mit der Wiener Strauss Capelle und ebenfalls Rainer Roos gemeinsam gestaltet, zuerst das Backnanger Konzert, dann das Schorndorfer.  

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Thorsten, wie kamst du zur Musik? Bitte berichte uns über deine künstlerische Arbeit und deinen Werdegang.

Thorsten Büttner
Ich stehe auf der Opernbühne seit ich sechs Jahre alt bin. Im Prinzip durch „Zufälle“. Meine Schwester Elke schrieb ein „Pudellied“ für den „Allgemeinen Deutschen Pudelclub”. Das Lied wurde im Auftrag des Pudelclubs in einem Studio aufgenommen, bei dem ich das Lied zur Stimme meines Vaters sang. Es war also ein Auftrag des Pudelclubs Deutschlands. Da kam dann kurze Zeit danach ein Zeitungsartikel, man suche vor allem Jungs zwischen sechs und zehn Jahren, ich war damals erst fünf Jahre alt, für den Kinderchor der Staatsoper Stuttgart. Und der Auftraggeber dieses Lieds, das war ein Kollege meines Vaters, der meinte: „Ihr müsst unbedingt dorthin.“ Da meine Eltern zwar wussten, dass ich gerne singe, aber man sich keine Gedanken gemacht hatte, ob ich besser singen könnte als andere Kinder, hat man diese Kassette nach Stuttgart geschickt und am nächsten Tag schon einen Anruf erhalten, man solle zur Aufnahmeprüfung kommen. 35 Kinder waren dort, fünf wurden genommen, eins davon war ich. Das war im Dezember 1985 und ja, kurz danach, ab sechs Jahren, da stand ich auf der Opernbühne und da war für mich schon klar: Ich will Opernsänger werden. Bis zu meinem 14. Lebensjahr, als dann der Stimmbruch mich aus der Zeit des Kinderchores riss, stand ich in vielen, eigentlich allen Kindersolorollen in Stuttgart auf der Staatsopernbühne. Ich habe nach kurzer Pausierung während des Stimmbruchs dann wieder Gesangsunterricht genommen in Stuttgart bei Frau Nowak. Von ihr wurde ich vorbereitet für die Aufnahmeprüfung, habe in Berlin an der Hanns Eisler Universität und in Salzburg am Mozarteum die Aufnahmeprüfung gemacht. So bin nach Salzburg gekommen, habe dort acht Jahre bis zum Masterstudium studiert. Dann folgten auch einige Auszeichnungen, Abschluss als Jahrgangsbester mit der Lilli-Lehmann-Medaille am Mozarteum und Träger der Gottlob-Frick-Medaille, wie auch der liebe Rainer Roos. Operalia folgte, und dann kamen ganz viele Engagements in verschiedenen Ländern. Mein erstes Engagement war in Antwerpen, anschließend in Mainz und anderen Städten als feste Engagements und danach kamen viele Jahre freischaffender Tätigkeit.

backnang.online
Thorsten, du hast mir erzählt, dass Opernsänger sehr große körperliche Fitness und Disziplin benötigen, vor allem bei dem Gesangsfach des Tenors. Bitte berichte darüber.

Thorsten Büttner
Ja. Singen ist nicht nur mit den zwei Stimmbändern oder Stimmlippen, wie es im richtigen Fachausdruck heißt, getan. 20 % sind Talent, 80 % harte Arbeit. Das ist so, weil wir ja kein Instrument in die Hand nehmen können. Das Klavier ist gebaut, die Geige ist gebaut, die Trompete wurde auch in eine Form gebracht. Beim Singen sind wir das Instrument. Das bedeutet, für jede Phrase müssen wir das Instrument bauen und bereitstellen. Aber dadurch, dass der Körper eben lebt, man atmet, man bückt sich, ist dieser Körper so zu trainieren, dass das Gaumensegel hoch ist, dass man vorne mit den Zähnen den Glanz hineinbringt. Wenn aber das Gaumensegel oben ist, ist automatisch die Kehle oben, also muss man die Kehle nach unten bringen, die man nur nach unten bringen kann, indem man das Zwerchfell, das man aber nicht direkt ansteuern kann, durch einen langen Rücken, kurzerhand gesagt, nach unten bringt. Also Singen an sich ist irgendwie eine schizophrene Sache. Man muss sogleich vorne als auch hinten positionieren. Es muss sowohl hoch positioniert sein als auch die Kehle tief, also alles Antagonisten, die so trainiert werden müssen, dass das Ganze dann über Jahrzehnte hält, und vor allem, dass man das über einen kompletten Opernabend durchhält, wenn man eine Hauptrolle singt - da ist man durchaus etliche Stunden auf der Bühne. Das kommt Hochleistungssport auf jeden Fall gleich.

Rainer Roos
Also ich glaube, in der Essenz ist Gesang die ehrlichste Kunst, wenn ich das kurz als Dirigent hinzufügen darf. Jedes Instrument in höchster Kunst oder Vollendung zu spielen ist kompliziert und schwierig, und nur wenige schaffen das. Das ist beim Geiger, beim Pianisten, egal welches Instrument, beim Sänger alles das Gleiche. Gesang ist tatsächlich die ehrlichste Kunst, denn ich kann einen Geiger nehmen, der ein bisschen schlechter ist, und ich gebe ihm eine Stradivari, und gebe dem besseren Geiger ein, sagen wir mal, Schulinstrument. Und dann klingt die Geige vielleicht bei dem mit der Stradivari, obwohl er der schlechtere Geiger ist, besser als beim anderen. Das heißt, da kann ich das im Grunde so ein bisschen manipulieren. Beim Sänger geht es nicht. Ich kann jetzt nicht sagen: „Thorsten, ich gebe dir mal kurz eine andere Stimme“. Und dann steckt natürlich auch die Gesundheit dahinter, das heißt, überall, wenn einer ein Instrument spielt, kann man so ein bisschen kaschieren oder kann sich auch eher ein wenig herausreden. 
Aber wenn der Sänger schlecht klingt auf der Bühne oder einen Ton „vergeigt“, kann er nicht sagen, mir ist eine Saite gerissen oder ähnliches. Der Sänger muss eben immer mit seinem menschlichen Organ zurechtkommen. Und wenn das „kaputt“ geht, kann er nicht sagen, ich kaufe mir ein neues Instrument. Deswegen ist es die ehrlichste Kunst.

Thorsten Büttner
Zum Tenor ist noch zu sagen, dass Tenor theoretisch die unnatürlichste Stimmlage ist, weil die Sprechlage des Mannes endet irgendwo beim Ton „f”, wenn man von Tönen spricht. Wir leben aber von der Oberquint, also das heißt, von uns Tenören wird immer erwartet, eine hohe Tessitura, also insgesamt hohe Töne immer wieder oder auch manchmal viele in langen Phrasen zu wiederholen. Die sind quasi technisch erzeugt, diese sind nicht in der natürlichen Sprechstimme enthalten, weshalb man eigentlich sagen muss, dass ein Tenor, um gleichwertig zu klingen wie ein Sopran oder ein anderer Sänger, die beste Technik besitzen muss, das beste technische Können, um da zu brillieren.

backnang.online
Vielen Dank für die Ausführungen. Kommen wir noch einmal zum Sponsoring zurück. Herr Roos, Sponsoring: Ohne das geht es wohl nicht mehr?

Rainer Roos
Nun, was heißt „geht nicht mehr“, es war ja noch nie in der Musikgeschichte anders, es war ja immer in gewisser Weise ein Sponsoring. Historisch gesehen waren es damals die Fürsten, die Könige und die Kirche, die die Kultur am Leben gehalten haben sowie die Künstler. Im Laufe der Zeit gab es die politischen Entwicklungen und dann kam das sogenannte Sponsoring von Wirtschaftsseite her. Es gab und gibt seit der Zeit der Industrialisierung  auch immer wieder sogenannte Mäzene. Heutzutage ist es eine Art Mischung aus öffentlichen Zuschüssen und aus Sponsoring von Wirtschaftsseite her, und da sind wir natürlich froh, wenn es dann, ich sage einmal, „Wirtschaftsbosse“ gibt, die diese kulturelle Begeisterung in sich tragen und auch den Intellekt besitzen, die Wichtigkeit der Kultur für das Leben der Menschen, gerade hier in der Regionalität so zu unterstützen. Und wir Kunstschaffenden freuen uns natürlich über solche Menschen aus und in der Wirtschaft, die ein Herz, einen Sinn, den Verstand und auch den Intellekt dafür haben. 

backnang.online
Aber wie gesagt, in Deutschland ist ja Sponsoring eigentlich sehr minimal. Es gibt andere Länder, da wird das viel, viel stärker betrieben.
Herr Mulfinger, Ihnen steht nun das Schlusswort zu.

Markus Mulfinger
Ich freue mich auf ein Classic Ope(r)n Air im Freien auf dem Marktplatz. Bei heißen Temperaturen. Das ist immer noch besser, als dass wir ins Bürgerhaus ausweichen müssten.

Thorsten Büttner
Vor elf Jahren hat es geregnet und wir saßen mit Jacke da und man hat sich überlegt, ob man nicht besser eine Wärmeflasche mitgenommen hätte.

Markus Mulfinger
Deshalb habe ich gesagt, ich freue mich auf ein Classic Ope(r) Air draußen, weil das gut ausgesuchte Programm, gepaart mit dem Marktplatz, einfach das Beste ist.

Rainer Roos
Ja, und man muss dazu sagen, dass von 28 Open Airs sind wir nur zweimal im Bürgerhaus gewesen. Wenn es jetzt am Samstag klappt, aber es sieht gut aus, dann sind wir von 28 Mal 26 Mal auf dem Marktplatz gewesen. Petrus ist uns auch wohl gewogen mit dieser Veranstaltung. 

backnang.online
Also ich bedanke mich, meine Herren, für das Gespräch. Herr Mulfinger, auch Ihnen noch einmal meinen besonderen Dank, dass wir auch Ihr Büro benutzen durften. Das ist nicht selbstverständlich.

Zum Artikel vom 15. Juni 2026 auf backnang.online  

Zum 28. Mal einmalig: Das Classic Ope(r)n Air in Backnang | Teil 1

Links zu den Sponsoren:
Autohaus Walter Mulfinger GmbH 
Volksbank Backnang eG
ASPA Bauträger GmbH

Redaktion backnang.online | BJ. Lattner

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