Wie im schlechten Film
Warum KI-Unternehmen weltweit alte Bücher kaufen und vernichten
Es klingt wie die Handlung eines dystopischen Science-Fiction-Films: Unternehmen kaufen weltweit Antiquariate leer, erwerben tausende alte Bücher, schneiden sie auseinander, digitalisieren jede einzelne Seite und entsorgen anschließend die Originale. Was auf den ersten Blick wie eine absurde Verschwörungstheorie wirkt, ist inzwischen Realität. Hinter diesem ungewöhnlichen Vorgehen steckt der unstillbare Hunger moderner Künstlicher Intelligenz nach hochwertigen Trainingsdaten. Berichte aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Neuseeland und weiteren Ländern zeigen, dass Antiquariate zunehmend ungewöhnliche Großbestellungen erhalten – oftmals von denselben Unternehmen oder Zwischenhändlern.
Der Grund dafür ist einfach und zugleich erstaunlich. Moderne KI-Systeme benötigen riesige Mengen hochwertiger Texte, um Sprache, Zusammenhänge und Fachwissen zu erlernen. Zwar existieren im Internet Milliarden von Dokumenten, doch viele davon sind unvollständig, fehlerhaft, widersprüchlich oder urheberrechtlich problematisch. Gedruckte Bücher hingegen gelten als besonders wertvolle Wissensquellen. Sie wurden redaktionell geprüft, sorgfältig geschrieben und enthalten oft Informationen, die online überhaupt nicht verfügbar sind. Besonders gefragt sind ältere Fachbücher aus den Bereichen Geschichte, Recht, Wirtschaft, Sprache oder Naturwissenschaften – Werke, die häufig längst vergriffen sind und nur noch in Antiquariaten erhältlich sind.
Was anschließend mit diesen Büchern geschieht, überrascht viele Menschen. Nach dem Kauf werden sie nicht archiviert oder weiterverkauft. Stattdessen werden sie häufig „destruktiv gescannt“. Dabei werden die Buchrücken entfernt, die Seiten voneinander getrennt und anschließend mit Hochleistungsscannern digitalisiert. Nachdem sämtliche Inhalte erfasst wurden, werden die Papierseiten entsorgt oder recycelt. Für Sammler und Bibliophile ist dieser Vorgang kaum vorstellbar, denn jedes vernichtete Exemplar verschwindet unwiederbringlich aus dem physischen Bestand. Das digitale Wissen bleibt erhalten – das Original jedoch nicht.
Die Entwicklung wirft eine grundlegende Frage auf: Darf Wissen erhalten werden, wenn dafür das ursprüngliche Werk zerstört wird? Befürworter argumentieren, dass dadurch seltene Inhalte digital bewahrt und für zukünftige KI-Systeme nutzbar gemacht werden. Kritiker sehen darin hingegen den Verlust kulturellen Erbes. Bücher sind schließlich weit mehr als bloße Informationsträger. Sie erzählen Geschichte, spiegeln ihre Zeit wider und besitzen häufig einen ideellen oder historischen Wert, der sich nicht digitalisieren lässt.
Besonders bemerkenswert ist die rechtliche Entwicklung in den USA. Dort wurde in einem viel beachteten Gerichtsverfahren entschieden, dass das destruktive Scannen rechtmäßig erworbener Bücher unter bestimmten Voraussetzungen als zulässige Nutzung angesehen werden kann. Entscheidend war, dass die Bücher legal gekauft wurden und die digitalen Kopien intern für das Training von KI-Systemen genutzt werden. Gleichzeitig machten die Gerichte deutlich, dass frühere Fälle, in denen urheberrechtlich geschützte Inhalte aus illegalen Quellen verwendet wurden, davon zu unterscheiden sind. Diese Entscheidungen haben den Markt erheblich verändert und dazu beigetragen, dass physische Bücher heute gezielt als Rohstoff für KI-Training beschafft werden.
Für Antiquariate entsteht dadurch eine paradoxe Situation. Kurzfristig profitieren viele Händler von ungewöhnlich hohen Bestellungen. Bücher, die sich zuvor monatelang kaum verkaufen ließen, werden plötzlich in größeren Stückzahlen nachgefragt. Für kleine Antiquariate bedeutet dies zusätzliche Einnahmen und einen willkommenen Umsatzschub. Langfristig könnte sich dieser Trend jedoch als problematisch erweisen. Wenn seltene Bücher nach dem Scannen vernichtet werden, verschwinden sie dauerhaft aus dem Markt. Künftige Sammler, Bibliotheken oder Wissenschaftler finden diese Werke möglicherweise nicht mehr als physische Originale. Genau das bereitet vielen Buchhändlern und Kulturhistorikern Sorgen.
Die Nachfrage beschränkt sich dabei keineswegs auf ein einzelnes Land. Händler berichten von Bestellungen aus verschiedenen Teilen der Welt. Teilweise übersteigen allein die Versandkosten den eigentlichen Warenwert der Bücher. Für Außenstehende wirkt dieses Verhalten wirtschaftlich kaum nachvollziehbar – solange man den eigentlichen Zweck nicht kennt. Für KI-Unternehmen ist jedoch nicht das Buch selbst wertvoll, sondern der darin enthaltene Text. Im Verhältnis zu den enormen Entwicklungskosten moderner Sprachmodelle erscheinen selbst hohe Einkaufspreise für seltene Literatur vergleichsweise gering.
Diese Entwicklung verdeutlicht zugleich den enormen Hunger moderner KI nach Wissen. Je leistungsfähiger Sprachmodelle werden, desto größer wird ihr Bedarf an qualitativ hochwertigen Informationen. Während frühe Systeme vor allem frei verfügbare Internetseiten nutzten, reicht dies heute oft nicht mehr aus. Fachliteratur, historische Werke und seltene Veröffentlichungen enthalten Inhalte, die online fehlen oder nur unvollständig verfügbar sind. Genau deshalb rücken Antiquariate plötzlich in den Fokus einer Branche, die bislang vor allem mit Rechenzentren, Algorithmen und Hochleistungscomputern in Verbindung gebracht wurde.
Gleichzeitig stellt sich eine gesellschaftliche Frage, die weit über Technik hinausgeht. Wem gehört Wissen eigentlich? Reicht der Kauf eines gedruckten Buches aus, um dessen Inhalt für das Training intelligenter Systeme zu verwenden? Oder müssten Autoren, Verlage und Rechteinhaber stärker beteiligt werden? Die Diskussion um Urheberrecht, Vergütung und geistiges Eigentum wird die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Sie betrifft nicht nur Bücher, sondern ebenso Zeitungen, wissenschaftliche Arbeiten, Musik, Bilder und Filme.
Dabei sollte die Debatte nicht ausschließlich von Angst bestimmt werden. KI kann enormes gesellschaftliches Potenzial entfalten. Sie unterstützt medizinische Forschung, beschleunigt wissenschaftliche Erkenntnisse, verbessert Bildung und erleichtert den Zugang zu Wissen. Dennoch zeigt der Umgang mit antiquarischen Büchern, dass technischer Fortschritt immer auch ethische Entscheidungen erfordert. Die Frage lautet nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, was kulturell und gesellschaftlich sinnvoll erscheint.
Vielleicht erleben wir gerade einen historischen Wendepunkt. So wie einst Bibliotheken Wissen sammelten, digitalisieren KI-Unternehmen heute große Teile des gedruckten Erbes der Menschheit. Der Unterschied besteht darin, dass Bibliotheken Bücher bewahrten, während manche Unternehmen sie nach dem Digitalisieren vernichten. Das Wissen lebt digital weiter – doch jedes zerstörte Original bedeutet auch den Verlust eines Stücks materieller Kultur.
Die Geschichte zeigt, dass jede technologische Revolution Gewinner und Verlierer hervorbringt. Der aktuelle Boom rund um Künstliche Intelligenz bildet keine Ausnahme. Antiquariate erleben plötzlich eine unerwartete Nachfrage, während gleichzeitig die Sorge wächst, dass wertvolle Werke unwiederbringlich verschwinden könnten. Zwischen technologischem Fortschritt und kultureller Verantwortung entsteht damit ein Spannungsfeld, das uns noch lange beschäftigen wird. Denn am Ende geht es nicht nur um Bücher, sondern um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit unserem gemeinsamen Wissensschatz umgehen – in einer Zeit, in der Maschinen lernen, indem sie lesen.
Quelle: Björn Michl – Digital ProCare
Redaktion backnang.online