Dr. Jens Steinat | © BJ. Lattner
Dr. Jens Steinat | © BJ. Lattner

Interview mit Dr. Jens Steinat Abgeordneter der CDU für den Wahlkreis Backnang

Persönliches | Arzt – Teil 1

Wir sind heute bei den Bouleplätzen im Waldheim in Backnang. Mir gegenüber sitzt Dr. Jens Steinat, direktgewählter Abgeordneter der CDU im Landtag von Baden-Württemberg für den Wahlkreis Backnang.

backnang.online:
Herr Dr. Steinat, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Dr. Jens Steinat:
Mein Name ist Jens Steinat, ich bin am 5. Februar 1977 im damaligen Kreiskrankenhaus in Backnang geboren. Aufgewachsen bin ich in Unterweissach und Unterbrüden. Ich bin dann in Unterbrüden zur Grundschule gegangen, später ins Gymnasium am Bildungszentrum Weissach im Tal und ab der 11. Klasse ins Wirtschaftsgymnasium nach Backnang.  Ich habe dort 1996 mein Abitur gemacht. War dann Zivildienstleistender im Rettungsdienst in der Rettungswache Backnang. Dort habe ich meine Ausbildung zum Rettungshelfer und Rettungssanitäter absolviert und nach dem Zivildienst dann noch in Heilbronn die Berufsausbildung zum Rettungsassistenten abgeschlossen, bevor ich dann 1996 in Tübingen das Medizinstudium begonnen habe. Im ersten Semester habe ich meine Frau kennengelernt, ich bin also seit 28 Jahren mit ihr zusammen, seit 2002 verheiratet. Wir haben das Studium gemeinsam gemacht und in Tübingen 2004 abgeschlossen. Wir waren dann zwei Jahre in der Schweiz – am Ende des Studiums und dann die erste Assistenzarztzeit am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Und ich kam dann zurück, zusammen mit meiner Frau, hier in meine alte Heimat und habe angefangen, kurzzeitig als Assistenzarzt in der psychiatrischen Klinik in Winnenden zu arbeiten. Im Anschluss war ich Assistenzarzt in der Inneren Medizin im Krankenhaus Waiblingen, dort habe ich auch meine Notarztausbildung absolviert und bin dann 2008 in die Praxis Höschele nach Rudersberg. Dort habe ich meine Facharztausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin beendet und habe 2011 in Oppenweiler eine Hausarztpraxis vom Kollegen Manfred Dinkelaker übernommen, die ich seither auch führe. Nach und nach kamen weitere Ärzte hinzu, am Anfang zuerst meine Frau. Wir haben über die Jahre einige Fachärztinnen und Fachärzte ausgebildet und schließlich habe ich 2024 die Praxis der Kollegin Karin Prendel übernommen, die leider gesundheitsbedingt aufhören musste. Wir haben uns entschieden, die Praxis weiterzubetreiben, und haben jetzt seither auch Ärztinnen und Ärzte angestellt, sodass wir jetzt ein Ärzteteam von, zusammen  mit mir, sieben Ärztinnen und Ärzten sind, und diese sind auf zwei Praxisstandorte verteilt.

backnang.online:
Sie sind Arzt. Bitte stellen Sie Ihre Arbeit als Arzt vor.

Dr. Jens Steinat:
Ich bin Facharzt für Allgemeinmedizin, dementsprechend decken wir in den Praxen das vollständige hausärztliche Spektrum  ab. Der normale Tag als Allgemeinmediziner beginnt um 7:30 Uhr mit der Sprechstunde, das geht normalerweise den ganzen Tag über. Da wir jetzt verschiedene Ärztinnen und Ärzte in der Praxis haben, ist natürlich die Aufgabenverteilung unterschiedlich. Meine Frau ist hauptsächlich für die Sprechstunde, Hausbesuche und Pflegeheime zuständig. Ein normaler Arbeitstag vor meiner Abgeordnetentätigkeit ging von 7:30 Uhr bis 18:30 Uhr in der Praxis, mit einer kurzen Mittagspause, wenn es geklappt hat, manchmal Hausbesuche über den Mittag. Abends dann häufig noch Termine – ich bin ja auch noch Vorsitzender der Ärzteschaft –, viel PC-Arbeit, also die ganze Dokumentation, Kontrolle, Gutachten, sodass die Arbeitstage eigentlich schon dann bis 22:00 Uhr, manchmal 23:00 Uhr, wenn es ganz dumm lief auch 24:00 Uhr gingen. Während der Coronazeit war ich ja noch Pandemiebeauftragter, da war es eigentlich immer so, dass es eine Sieben-Tage-Woche gab. Wir hatten immer abends noch Videokonferenzen, viel Schriftverkehr, Tausende von E-Mails in diesen drei Jahren, sodass ich es als Hausarzt eigentlich gewohnt bin, einen 12- oder 13-Stunden-Tag zu haben. Auch die Wochenenden sind nicht wirklich frei. Da fallen immer Hausbesuche an, Verwaltungsarbeit, Telefonate. In der Urlaubszeit haben wir zwar die Praxen geschlossen, weil die Arzthelferinnen ja auch ihren Urlaub brauchen, aber in den seltensten Fällen hatte ich mal  länger als zehn Tage Urlaub am Stück. Was während der normalen Praxistätigkeit an Verwaltung nicht möglich ist, muss dann aufgearbeitet werden. Insbesondere wird dann die Post nachgearbeitet bzw. vorgearbeitet. Wenn man mit zwei Praxen drei Wochen Sommerurlaub – in Anführungszeichen – hat, dann kommen da locker pro Woche 100 Briefe – Anfragen von Kassen, Anfragen vom Landratsamt, also sehr viel Verwaltungsarbeit, was natürlich jetzt auf verschiedene Köpfe mit verteilt wird. Das heißt, auch auf die angestellten Ärzte und Ärztinnen, die wir ja in den letzten ein, zwei Jahren eingestellt haben, auch im Hinblick auf meine Tätigkeit als Abgeordneter, sodass viel Verwaltungsarbeit noch bei mir hängt, aber die operative Arbeit natürlich gut verteilt werden konnte.

backnang.online:
Welche Rolle spielt Empathie bei Ihrer Tätigkeit?

Dr. Jens Steinat:
Empathie ist eigentlich die Grundvoraussetzung der ärztlichen Tätigkeit, insbesondere als Hausarzt. Es ist ganz wichtig, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu erfahren und das ist ja auch das Schöne als Hausarzt, dass man seine Patienten Jahre, Jahrzehnte lang kennt. Ich habe heute Patientinnen und Patienten, da bin ich mir manchmal unsicher, ob ich noch Du sagen kann, weil ich sie mit drei, vier Jahren als Kinder betreut habe, jetzt sind sie 20 Jahre alt. Und man hat immer noch ein gutes Verhältnis zueinander. Ich mache es dann meistens so, dass ich mich auch weiterhin duzen lasse, weil ich das eher bin. Ich bin unkompliziert, ich mache das eigentlich gerne –, sodass es das Schöne in der hausärztlichen Tätigkeit ist, dass man sich lange kennt, dass man dementsprechend die Familienverhältnisse kennt, dass man auch Beschwerden im Kontext des sozialen Umfeldes einschätzen kann. Das macht die Arbeit auch einfacher. Und das ist eigentlich eines der wichtigsten Dinge in der hausärztlichen Medizin und in der Arzt-Patienten-Beziehung.

Dr. Jens Steinat | © BJ. Lattner
Dr. Jens Steinat | © BJ. Lattner

 

backnang.online:
Perfekt. Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen stöhnen über die übermäßige Bürokratie in der Ausübung ihrer Tätigkeit. Wie ist das bei Ihnen?

Dr. Jens Steinat:
Das war übrigens auch ein Grund, in die Politik zu gehen – es gibt sehr, sehr viel Bürokratie und nicht nur bei uns, das ist ja ein gängiges Problem. Egal in welchem Feld man sich bewegt. Und natürlich haben wir extrem viele bürokratische Anforderungen. Allein die Abrechnung in den verschiedenen Abrechnungssystemen ist schon ein Bürokratiemonster. Die Verordnung von Medikamenten, Heilmitteln usw., da gibt es für alles unterschiedliche Vorgaben, unterschiedliche Gesichtspunkte, unterschiedliche Diagnosen, die abgerechnet werden oder angegeben werden müssen, damit im Nachhinein kein Regress droht, weil die Diagnose verknüpft ist mit dem Medikament als Beispiel. Also wir haben sehr, sehr hohe bürokratische Anforderungen, alleine natürlich auch das, was mit der Medizin nicht direkt zu tun hat: Zum Beispiel die Kommunikation mit dem Landratsamt bezüglich vor allem der Schwerbehinderung, für die Anträge der Patientinnen und Patienten, genauso von der Arbeitsagentur, von der Rentenversicherung. Also im Endeffekt gibt es Berührungspunkte mit ganz vielen Dingen, insbesondere als Selbstständiger natürlich auch mit Arbeitssicherheit, mit Praxisorganisation, also mit ganz vielen Feldern, mit denen man einfach zu tun hat und um die man sich kümmern muss. Und das nimmt locker 20 bis 25 Prozent der Arbeitszeit in Beschlag.

backnang.online:
Die fehlt dann wiederum am Patienten.

Dr. Jens Steinat:
Ja.

backnang.online:
Also ist die Bürokratie eigentlich das absolut Hinderlichste, um vernünftig die Tätigkeit eines Arztes ausüben zu können.

Dr. Jens Steinat:
Das ist ja auch ein Grund, warum viele Kolleginnen und Kollegen nicht mehr alleine eine Praxis führen oder übernehmen wollen: Sie müssen eigentlich heutzutage die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen, natürlich auch – so weit, wie es geht – gewisse Aufgaben an die Medizinischen Fachangestellten delegieren. Sie können eigentlich bei der Dichte der Arbeit heute eine Praxis ganz alleine nicht mehr schultern. Ich habe vor über 15 Jahren angefangen, damals war manches noch einfacher. Also das heißt, in den letzten Jahren hat es stetig zugenommen und das war, wie gesagt, auch ein Grund zu sagen, ich möchte mich politisch engagieren und das ansprechen, was völlig unnötig ist und was man vereinfachen kann. Und das war auch einer der Gründe zu sagen: Ich will und muss als Arzt weiterarbeiten, weil ich schlichtweg auch das, was passiert, am eigenen Leib mitbekommen muss, damit ich mitreden und einfach auch sagen kann, da können wir Verbesserungen bewirken aus den und den Gründen. Also deswegen ist es wichtig, dass ich da tatsächlich am Zahn der Zeit bleibe.

Fortsetzung folgt am 8. August 2026 auf backnang.online

 

Redation | backnang.online: BJ. Lattner

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