Carl-Eugen Vogt bei der Arbeit auf dem Backnanger Stadtfriedhof | © BJ. Lattner
Carl-Eugen Vogt bei der Arbeit auf dem Backnanger Stadtfriedhof | © BJ. Lattner

Interview mit Carl Eugen Vogt vom der Firma Wenzler & Vogt Steinwerkstätte

Handwerk | Steine | Friedhof | Tradition

Wir sind heute im der Werkstatt der Firma Wenzler & Vogt Steinwerkstätte in Backnang mir gegen über sitzt Carl Eugen Vogt

Firma Wenzler & Vogt Steinwerkstätte | © BJ. Lattner
Firma Wenzler & Vogt Steinwerkstätte | © BJ. Lattner

 

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Wir sind heute hier bei Karl Vogt von der Firma Wenzler und Vogt im Interview am 29. Juli 2026. Herr Vogt, würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Carl Eugen Vogt
Ja, mein Name ist Carl Eugen Vogt. Ich bin 61 Jahre alt und von Beruf Steinmetz und Steinbildhauer. Ich führe den Betrieb hier in der fünften Generation. Bis 1998 hieß das Unternehmen noch Firma Wenzler. Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit eingestiegen, und seitdem firmiert der Betrieb unter Wenzler und Vogt. Wir sind nun seit 150 Jahren, genauer gesagt seit 1876, hier vor Ort in Backnang ansässig.

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War der Standort schon immer derselbe?

Carl Eugen Vogt
Nein, der Standort war nicht immer derselbe. Die Steinmetzfamilie Wenzler kam 1875 mit dem Bau der Eisenbahn hierher, die 1876 den Betrieb aufnahm. Damals war hier das Winterlager, und die Familie wurde in Backnang sesshaft. Die erste kleine Werkstatt befand sich in der Unterstadt.

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In welcher Straße war das?

Carl Eugen Vogt
Das war in der Sulzbacher Straße. Um die Jahrhundertwende zog der Betrieb dann um in die damalige Weissacher Straße, die heutige Stuttgarter Straße 45. Seit 1930 befinden er sich an diesem Standort in der Stuttgarter Straße 95.

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Sie sprachen von 150 Jahren. Wurden Sie hier auch ausgebildet oder haben Sie Ihre Ausbildung in einem fremden Betrieb absolviert?

Carl-Eugen Vogt | BJ. Lattner
Carl-Eugen Vogt | BJ. Lattner

 

Carl Eugen Vogt
Tatsächlich habe ich meine Ausbildung hier am 3. August 1981 begonnen. Zuvor war ich bereits als Praktikant und Ferienjobber im Betrieb tätig. Ich bin nun seit 45 Jahren in der Firma und seit 28 Jahren selbstständig.

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Das heißt also, Sie haben nach der Lehre nahtlos im Betrieb weitergearbeitet.

Carl Eugen Vogt
Praktikant, Lehrling, Geselle, nach sieben Jahren dann Meister. Wie gesagt, seit 28 Jahren bin ich nun selbstständig und Inhaber.

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Sie haben in einen anderen Betrieb hineingeschnuppert und Erfahrung von dort sammelt können?

Carl Eugen Vogt
Nein, ich habe keine Erfahrung in anderen Betrieben gesammelt. Ich stand und stehe aber immer in regem Kontakt mit Kollegen. In den 1990er-Jahren habe ich mich zudem sehr stark in der Denkmalpflege engagiert, Kurse besucht und mich mit Kollegen ausgetauscht. Aber beruflich bin ich tatsächlich immer hiergeblieben. Früher waren wir ein klassischer Ein-Mann-Betrieb. Zwischenzeitlich haben wir drei Mitarbeiter, plus meine Frau, die die Buchhaltung am Laufen hält. Der Betrieb ist also gewachsen. Ich musste einfach hierbleiben, weil die Arbeit gerufen hat.

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Sie sprachen von Ausbildung. Lassen Sie uns darüber reden, was Sie heute tun. Sie bilden ja selbst aus. Wie läuft so eine Ausbildung bei Ihnen ab?

Carl Eugen Vogt
Die Ausbildung findet bei uns klassisch statt. Klassisch heißt „mit der Hand am Arm“. Das bedeutet echte Handarbeit am Stein, wie vor 100 Jahren oder noch länger. Erst wenn man das beherrscht, geht man über zur Arbeit mit Maschinen. Ich lege großen Wert auf die Grundlagen. Die beste computergesteuerte Maschine nützt nichts, wenn man nicht versteht, wie das Material reagiert und wie das Handwerk funktioniert. Die Basic muss stimmen. Nach diesem Prinzip bilde ich aus. Ich schätze, dass ich bisher 10 bis 12 Lehrlinge ausgebildet habe. Derzeit sind wir auch wieder auf der Suche und im Gespräch mit einem Bewerber. Es muss einfach weitergehen, Lehrlinge und die Ausbildung sind wichtig. Es kostet uns viel Zeit, da wir keinen extra Ausbilder abstellen können, das läuft alles im laufenden Betrieb mit. Aber wenn es klappt, macht es Spaß und bringt Freude.

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Können Sie jungen Menschen den Beruf des Steinbildhauers beziehungsweise Steinmetzes empfehlen?

Carl Eugen Vogt
Ja, das kann ich. Ich glaube, in der heutigen Zeit, in der Künstliche Intelligenz immer präsenter wird, werden handwerkliche Berufe wieder stärker nachgefragt. Im Grabmalbereich wird es sich vielleicht etwas dezimieren, aber dort verringert sich auch die Zahl der Betriebe, sodass für die verbleibenden genug Arbeit da ist. In der Denkmalpflege, im Restaurierungsbereich und im hochwertigen Innenausbau sowie Natursteinbau werden Fachkräfte gesucht. Da sehe ich sehr große Zukunftschancen.

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Ein Steinbildhauer fertigt ja nicht nur Grabsteine. Das ist ein Teil der Arbeit. Der andere Teil, den Sie gerade ansprachen haben, ist die Restaurierung von Objekten oder der Bau von neuen Objekten aus Stein. Sie sind Steinbildhauer und Steinmetz. Wo liegt da der Unterschied?

Carl Eugen Vogt
Der Steinmetz führt eher die traditionellen, handwerklichen Arbeiten aus – dazu gehören Werkstücke, klassische Bauarbeiten oder Versetzarbeiten. Der Steinbildhauer geht mehr ins Figürliche, Gestalterische und ist für die feineren, künstlerischen Arbeiten zuständig.

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Und was macht Ihnen am meisten Spaß? Das Figürliche oder das Arbeiten an den geraden Linien?

Carl Eugen Vogt
Beides. Ich mag meinen Beruf einfach. Ich habe mich mit 14 Jahren dazu entschieden und mit 15 die Lehre begonnen. Es ist mein Traumberuf und ich würde es immer wieder so machen.

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Kommen wir zur Historie der Firma Wenzler und Vogt. Die Übernahme haben Sie gerade schon kurz beschrieben. Könnten Sie das Datum und den Ablauf der Übernahme noch einmal schildern?

Carl Eugen Vogt
Das war im Jahr 1998. Ich bin zunächst mit einem Anteil von 50 Prozent eingestiegen. Damals haben wir diesen Doppelnamen gewählt, weil der Seniorchef Herr Wenzler großen Wert darauf legte, dass mein Name mit aufgenommen wird. Eigentlich wollte ich den Betrieb nur unter „Wenzler“ weiterführen, aber wir haben uns dann auf den Doppelnamen geeinigt. Nach fünf Jahren ging er in den Ruhestand und ich habe die Firma komplett übernommen. Im Zuge dessen haben wir später auch die Gebäude übernommen. Es sieht auch so aus, als hätten wir bereits einen Nachfolger in Aussicht, was eine gute Sache ist. Um so etwas kann man sich nicht früh genug kümmern.

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Wollen Sie denn demnächst aufhören?

Carl Eugen Vogt
Mit 61 Jahren bin ich ja noch nicht im Rentenalter. Morgen höre ich also nicht gleich auf, aber man muss an die Zukunft denken. Den Ruhestand im klassischen Sinne plane ich dann mit 65 Jahren. Körperlich fordert der Beruf natürlich auch seinen Tribut.

Carl-Eugen Vogt | BJ. Lattner
Carl-Eugen Vogt | BJ. Lattner

 

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Kommen wir zurück zum Denkmal. Letztes Jahr am Tag des offenen Denkmals waren Sie mit von der Partie und haben eine Vorführung zum Thema Steinbearbeitung mit historischen Werkzeugen gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen an diesem Tag? War es eine runde Sache oder gab es Probleme? Was würden Sie heute besser machen?

Carl Eugen Vogt
Mir ist aufgefallen, dass das Interesse sehr groß war. Sobald ein Stein daliegt und man mit dem Meißel arbeitet, zieht das die Menschen an. Die Älteren wissen oft noch, wie es funktioniert, oder haben es früher selbst gesehen. Die Jüngeren interessieren sich dafür, wie es gemacht wird. Allerdings führt das zu sehr vielen Gesprächen, sodass man kaum zum eigentlichen Arbeiten kommt. Aber genau das ist ja Öffentlichkeitsarbeit – den Leuten zu erklären, wie das Handwerk funktioniert. Sollte ich das noch einmal machen, würde ich vielleicht etwas filigranere, feinere Arbeiten zeigen. Man lernt mit jedem Schritt dazu. Die Leute waren sehr interessiert, es gab keine negativen Reaktionen. Ich habe das Interesse an unserem Beruf und am Denkmal selbst als sehr positiv wahrgenommen. Es war zudem ein wunderschöner Tag.

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Kommen wir zum Tag des offenen Denkmals 2026. Sie haben sich wieder bereit erklärt, eine Vorführung zu machen. Parallel dazu wird ein Restaurator vor Ort sein, der sich mit dem Thema Farbergänzungen beschäftigt. Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Steinmetz und Restaurator ein? Es gibt ja auch Restauratoren, die sich speziell mit Stein befassen.

Carl-Eugen Vogt beim Tag des offenen Denkmals 2025| BJ. Lattner
Carl-Eugen Vogt beim Tag des offenen Denkmals 2025 | BJ. Lattner

 

Carl Eugen Vogt
Ich schätze dieses Verhältnis als sehr wichtig ein, da hier ein Austausch stattfindet und keine Konkurrenz besteht. Es geht um die Sache an sich. Wir Steinmetze haben oft weniger tiefgehendes Wissen über Farbmischungen, das ist die Kernkompetenz des Restaurators. Umgekehrt hat ein Restaurator vielleicht nicht immer das detaillierte Wissen über die handwerkliche Oberflächenbearbeitung von Stein. Daher sehe ich darin eine Ergänzung und ein positives Miteinander. Mit dem Kollegen, der hier auf dem Friedhof arbeitet, stehe ich auch in einem regelmäßigen Austausch.

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Ist das Denkmal an sich für Sie ein wichtiger Punkt? Und wie schätzen Sie die Denkmalpflege ein? Ich habe mal gehört, dass es bei der Restauration der Stiftskirche darum ging, Fliesen auf dem Boden zu verlegen. Sie haben damals dem Architekten und der Denkmalschutzbehörde einen anderen Vorschlag unterbreitet. Können Sie darüber berichten?

Carl Eugen Vogt
Es gab damals tatsächlich den Vorschlag, einen keramischen Bodenbelag einzubauen. Ich habe dann angeregt, dass wir uns hier auf einem Muschelkalkboden befinden. Muschelkalk oder Sandstein passt wesentlich besser in eine klassische Kirche wie die Stiftskirche, die immerhin das älteste Gebäude der Stadt ist. Mein Vorschlag wurde glücklicherweise umgesetzt. Einen Keramik-Belag hätte ich mir dort nur schwer vorstellen können. Ein Architekt kann nicht über jedes Material alles bis ins Detail wissen; sein Fokus liegt auf der Statik, der Planung und den Bauablauf. Genau wie beim Verhältnis zwischen Restaurator und Steinmetz muss man sich auch hier austauschen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Es geht um Kooperation.

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Es geht also in erster Linie um Kooperation?

Carl Eugen Vogt
Absolut. Ohne das geht es nicht. Das muss in Zukunft im Handwerk noch viel stärker stattfinden. Wir haben oft knappe Personalressourcen und stehen vor großen Herausforderungen. Da hilft es, sich unter Kollegen unkompliziert auszutauschen und gegenseitig zu helfen.

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Ich habe vor kurzem einen Artikel der Handwerkskammer zum Thema „KI im Handwerk“ veröffentlicht. Wie stehen Sie dazu?

Carl Eugen Vogt
Sinnvoll eingesetzt an der richtigen Stelle kann KI hilfreich sein, aber nicht als dauerhafter Ersatz für menschliche Kreativität.

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Könnten Sie KI in Ihrem Arbeitsalltag integrieren?

Carl Eugen Vogt
Bestimmte Bereiche können das sicher, für brauche das hier jedoch nicht. Ich bin kein genereller Verweigerer, aber alles zu seiner Zeit und am richtigen Ort. Wir sind ein Handwerksbetrieb, der klassisch und traditionell arbeitet. Wir wollen solide Handwerksarbeit liefern und nicht, was eine KI generiert. Kunden haben schon Entwürfe gebracht, die mittels KI erstellt wurden aber rein technisch gar nicht im Stein umzusetzen waren. Für unseren Betrieb hier sehe ich den Bedarf aktuell nicht. Ich stelle auch fest, dass manche Kunden klassische Handskizzen kaum noch lesen können; sie sind oft auf eine 3D-Computergrafik angewiesen, um sich das Ergebnis vorzustellen. Das Vorstellungsvermögen für einfache Skizzen geht dadurch leider manchmal verloren. Für die Planung mag KI in bestimmten Gewerken Vorteile bieten, aber das eigentliche Handwerk bleibt Handarbeit.

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Das Thema Friedhof steht bei Ihnen vermutlich auch weit oben auf der Agenda. In Backnang gibt es zwei Friedhöfe: den Stadtfriedhof und den Waldfriedhof. Welchen Friedhof bevorzugen Sie persönlich?

Carl Eugen Vogt
Ich bevorzuge keinen von beiden, sie haben unterschiedliche Qualitäten. Der Stadtfriedhof ist der alte, historisch gewachsene Friedhof. Ich mag ihn sehr, auch weil unsere Werkstatt direkt hier liegt und er einen alten Baumbestand hat. Den Waldfriedhof bewerte ich unterschiedlich, je nachdem, ob ich dort beruflich oder privat bin. Wenn ich unter der Woche geschäftlich dort zu tun habe, wirkt er durch den Fahrverkehr unruhig. Am Wochenende hingegen, wenn man dort spazieren geht, strahlt er mitten im Wald eine große Ruhe aus. Der Waldfriedhof hatte in den 1980er- und 90er-Jahren gestalterisch etwas gelitten, auch weil Grabmale aufgestellt wurden, die meiner Meinung nach nicht optimal in die Umgebung passten. Der Stadtfriedhof hat diesen klassischen, historischen Bestand, weshalb er mir gestalterisch sehr zusagt. Ich versuche dennoch, in meinen Entwürfen zeitgemäß zu denken, greife dabei aber auf klassische Arbeitsweisen zurück.

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Kommen wir zum Stadtfriedhof. Er beherbergt zwei prägende Gebäude: die Kapelle von 1884/85 und die Aussegnungshalle von 1925. Wie erleben Sie den Stadtfriedhof, wenn Sie dort sind? Was ist das Besondere und wo hängt Ihr Herz daran? Ich habe erfahren, dass Sie historische Grabsteine restaurieren, die im Lapidarium untergebracht werden, wenn die Gräber aufgelassen werden. Erzählen Sie uns von Ihren Eindrücken.

Carl Eugen Vogt
Das beeindruckendste ist die symmetrische Gestaltung des Stadtfriedhofs. Wenn man von der Stuttgarter Straße hochläuft, blickt man direkt auf die große Aussegnungshalle von 1925. An einem schönen Sommerabend, wenn die Fassade im Abendlicht erstrahlt, ist das mit den Alleen und Seitengängen ein sehr schöner Anblick. Die alte Kapelle ist nach der Restaurierung ebenfalls wieder in einen guten Zustand versetzt worden. Obwohl die Anlage symmetrisch und durchdacht geplant ist, strahlt sie eine natürliche Atmosphäre aus. Die alten Grabsteine, die im Lapidarium aufgestellt werden, erzählen eine eigene Geschichte. Dieses Projekt läuft nun schon seit über 20 Jahren. Die Stadt hat sich damals bereit erklärt, das zu dokumentieren und den Platz dafür zur Verfügung zu stellen. Jeder dieser Steine spricht seine eigene Sprache. Die große Halle mit ihrer Inschrift spiegelt den Geist ihrer Entstehungszeit wider. Die kleine Kapelle, die zwischenzeitlich über Jahrzehnte als Maschinenraum genutzt wurde, erzählt ebenfalls ihre eigene Geschichte.

Backnanger Stadtfriedhof | © BJ. Lattner
Backnanger Stadtfriedhof | © BJ. Lattner

 

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Das heißt, Denkmäler wurden im Laufe der Zeit auch zweckentfremdet?

Carl Eugen Vogt
Ja, das war schon immer so. Man kann natürlich nicht jedes Denkmal für die Ewigkeit erhalten, das ist mir bewusst. Aber man sollte die Historie prüfen, bevor ein Grabmal abgeräumt oder beschädigt wird, um festzustellen, ob es erhaltenswert ist. Das ist ja der eigentliche Sinn der Denkmalpflege. Man muss auch Platz für Neues schaffen, aber das sollte mit Sachverstand und gestalterischer Harmonie geschehen, sodass es sich in das Gesamtbild einfügt.

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Ein Friedhof erzählt somit auch die Geschichte der Stadt und der vergangenen Generationen.

Carl Eugen Vogt
Ja. Man sagt manchmal, die Vergangenheit einer Stadt lässt sich am Friedhof ablesen, und die Gegenwart am Bahnhof. Wenn ich in eine neue Stadt komme, schaue ich mir oft beides an. Der Friedhof zeigt, wie die Stadt früher war und wie die Menschen gelebt haben. Ich war vor Kurzem in Sulzbach auf dem Friedhof; dort gibt es bemerkenswerte alte Denkmäler, die darauf hinweisen, dass das früher eine wohlhabende Gemeinde war. Man sieht an einem Friedhof auch, wie eine Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte umgeht. Es ist schade, wenn historische Friedhöfe komplett eingeebnet werden und damit die sichtbare Geschichte verloren geht.

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Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Herkunft. Sie sind in Backnang geboren und stammen aus einer alteingesessenen Familie. Erzählen Sie uns etwas über Ihre Familiengeschichte.

Carl Eugen Vogt
Ich bin in Backnang geboren, was heute im Zuge von Klinikschließungen in kleineren Städten gar nicht mehr so häufig vorkommt. Ich entstamme einer alten Gerberfamilie. Die Gerberei war hier über Generationen ansässig und viele der alten Familien in Backnang sind über die Ehen und die Betriebe miteinander verwandt. Meine Urgroßmutter war eine geborene Feucht, was ebenfalls einer der alten Namen in der Stadt ist. Die Familie lässt sich hier bis etwa 1860 zurückverfolgen. Das Handwerk der Gerberei hat die Stadt stark geprägt. Mein Großvater und Urgroßvater waren in dieser Industrie tätig. Viele dieser Betriebe sind aus kleinen Handwerksbetrieben entstanden und wuchsen in der Zeit zwischen den Kriegen und nach 1870 zu größeren Industriebetrieben heran. Der Ursprung lag aber immer im Handwerk.

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Wenn Sie aus einer Gerberfamilie stammen, wie kamen Sie dann zum Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk?

Carl Eugen Vogt
In den 1980er-Jahren zeichnete sich ab, dass die Gerberei in Deutschland wirtschaftlich keine große Zukunft mehr haben würde. Zudem erfordert der Beruf des Gerbers heute sehr viel chemisches Fachwissen. Chemie war in der Schule allerdings nicht mein Lieblingsfach. Die Physik lag mir eher – zu wissen, wie man Hebelkräfte nutzt, um schwere Lasten zu bewegen, schien mir für den Steinmetzberuf passender zu sein. Da die beruflichen Aussichten in der Gerberei hierzulande schwierig wurden, habe ich mich umorientiert.

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Was war Ihr Vater von Beruf?

Carl Eugen Vogt
Er war Gerber. Ich habe die Tradition insofern verändert, als ich vom Leder zum Stein gewechselt bin, aber ich bin dem Handwerk treu geblieben. Mein Vater war Gerber, vier Generationen davor ebenfalls. Es gab fünf Generationen Gerber in der Familie, zuvor ein Kaufmann, und ich ging dann ins Steinmetzhandwerk. Früher waren die Straßen stark durch den Geruch der Gerbereien geprägt, das gehörte einfach zur Stadt. Die Gerberei wurden dann ins Ausland verlagert. Wenn man an der Chemie keine Freude hat, war das nicht der richtige Weg. Man muss den Beruf, den man ausübt, auch mögen.

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Das Jahr 2026 markiert das 150-jährige Bestehen der Firma Wenzler und Vogt. Ein großes Jubiläum. Wann und wie werden Sie dieses Ereignis begehen?

Carl Eugen Vogt
Wir planen, im September eine kleinere Feier auszurichten, zunächst im Kreis von Freunden und Bekannten. Ursprünglich wollte ich das Jubiläum bereits im Frühjahr feiern. Allerdings hatten wir in diesem Jahr zwei Todesfälle in der Familie meiner Frau. Zudem habe ich eine neue Hüfte bekommen und brauchte Zeit zur Genesung. Hinzu kam eine dreimonatige Baustelle direkt vor unserer Tür, was den Ablauf ebenfalls beeinträchtigt hat. Wir wollen nun die Sommerferien abwarten und das Jubiläum im September im kleinem Rahmen feiern. Unser Betrieb ist über die Zeit hinweg bewusst überschaubar geblieben, und vielleicht ist genau das der Grund, warum es uns nach 150 Jahren noch gibt.

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Das Thema Wachstum ist ein interessanter Punkt. Ein unendliches Wachstum gibt es in der Realität meistens nicht. Im Handwerk führt Wachstum oft zu Verdrängungswettbewerb – wenn ein Betrieb zulegt, verliert unter Umständen ein anderer.

Carl Eugen Vogt
Das ist richtig. Unser Wachstum in den letzten Jahren resultierte im Wesentlichen daraus, dass andere Betriebe im Umfeld aufgehört haben. Dadurch entstand ein höheres Auftragsvolumen für uns, sodass wir mehr Mitarbeiter einstellen mussten, um die Arbeit zu bewältigen. Es war also kein aggressives Wachstum, sondern das Ausfüllen einer entstandenen Lücke auf dem Markt. Am aktiven Verdrängungswettbewerb beteiligen wir uns nicht. Kaufmännisch betrachtet haben wir lediglich ein Vakuum ausgeglichen. Alles andere wäre eine Fehleinschätzung der Marktlage.

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Herr Vogt, ich bitte Sie nun um Ihr Schlusswort. Was liegt Ihnen noch am Herzen?

Carl Eugen Vogt
Was mir in letzter Zeit auffällt, ist eine zunehmende Schnelllebigkeit, die auch unser Handwerk erreicht. Manche Kunden haben den Eindruck, dass Aufträge im Handwerk sofort und ohne Vorlaufzeit umgesetzt werden können. Wir haben jedoch feste Auftragsbestände, die wir der Reihe nach abarbeiten. Ich wünsche mir manchmal etwas mehr Verständnis dafür, dass handwerkliche Prozesse und eine solide Planung Zeit benötigen. Der ideale Kunde für uns ist jemand, der das Handwerk und die investierte Arbeit schätzt – zum Beispiel die Zeit, die in die Details einer Zeichnung und die individuelle Gestaltung fließt. Wenn wir gestalterische Freiräume bekommen, entstehen meist die besten Arbeiten. Ich freue mich, wenn Kunden uns das Vertrauen schenken und den Projekten die nötige Zeit geben. Das Zusammenspiel aus solidem Handwerk, eigenen Ideen der Mitarbeiter und dem Vertrauen des Kunden führt zu den schönsten Ergebnissen. Dann macht die Arbeit allen Beteiligten Freude. Wir haben ein gutes Betriebsklima, Probleme werden offen besprochen und gemeinsam gelöst. Ich hoffe, dass man diese positive Atmosphäre auch spürt, wenn man zu uns kommt.

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Herr Vogt, ich bedanke mich für das Gespräch. Ich freue mich darauf, auch in Zukunft Ihre Arbeiten auf den Friedhöfen in der Region zu sehen. Wir werden das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht im Rahmen des Jubiläums, fortsetzen. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Betrieb alles Gute.

Carl Eugen Vogt
Vielen Dank.

Redaktion backnang.online | BJ. Lattner

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