Fabian Kühfuß bei seiner Installation | © BJ. Lattner
Fabian Kühfuß bei seiner Installation | © BJ. Lattner

„Wir müssen mehr Absurdität in unserer Realität zulassen“

Medienkunst | Künstlicher Intelligenz | Pflanzen | Absurdität

Ein Gespräch mit dem Medienkünstler Fabian Kühfuß‘ über KI, Kunst und die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Wir bbefanden uns, am 19. September 2026, im Technikforum Backnang bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Der Instruktor“.

backnang.online:
Herr Kühfuß‘, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Fabian Kühfuß‘: 
Ja, ich bin Medienkünstler, lebe und arbeite in Stuttgart. Ich wurde über die Kulturregion Stuttgart hierher ins Technikforum Backnang eingeladen, um eine Installation für das aktuelle Festival beizutragen.

Fabian Kühfuß bei seiner Installation | © BJ. Lattner
Fabian Kühfuß bei seiner Installation | © BJ. Lattner

 

backnang.online: 
Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Medienkunst und Künstlicher Intelligenz?

Fabian Kühfuß‘: 
Mit Medienkunst allgemein seit etwa 25 Jahren – und ähnlich lange auch schon mit dem Thema KI.

backnang.online: 
Damals steckte die KI ja noch in den Kinderschuhen.

Fabian Kühfuß‘: 
Ja, auf jeden Fall war sie damals noch nicht so frei und leicht zugänglich wie heute.

backnang.online: 
Kommen wir zu Ihrer Installation. Sie haben hier verschiedenste Objekte aufgebaut, die auf den ersten Blick den Anschein von uralter Technik erwecken. Können Sie dazu etwas sagen?

Fabian Kühfuß‘: 
Uralt sind die Geräte tatsächlich gar nicht. Die meisten sind keine 30 Jahre alt. Schaut man sich hier im Technikforum um, steht im Hintergrund eine Dampfmaschine, die eher 150 Jahre alt ist – das würde ich als uralt bezeichnen. Die Installation spielt bewusst damit: Diese Gerätschaften wirken auf uns alt, weil die technologische Entwicklung in den letzten 35 Jahren extrem schnell vorangegangen ist. Wir empfinden Dinge aus unserer eigenen Jugend bereits als „uralt“, obwohl wir uns selbst noch gar nicht so alt fühlen. Die technische Entwicklung verläuft schneller als unser persönliches Empfinden des Alterns.

backnang.online: 
Was war Ihre Intention, diese technischen Objekte mit natürlichen Elementen wie Pflanzen und Lichtstreifen zu kombinieren?

Fabian Kühfuß‘: 
Die Pflanzen erfüllen zwei Aufgaben: Vorhin fiel der Begriff „retrofuturistischer Techno-Altar“. Es hat etwas von einem überbordenden Wohnzimmer eines wirren Funktechnikers aus den späten 80er-Jahren.Zum anderen sind Pflanzen faszinierende Lebewesen, die wir Menschen jedoch meist nicht als Subjekte wahrnehmen. Das steht der aktuellen technologischen Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sehr nahe.

Martin Schick, Fabian Kühfuß und Regine Wüllenweber bei der Eröffnung | © BJ. Lattner
Martin Schick, Fabian Kühfuß und Regine Wüllenweber bei der Eröffnung | © BJ. Lattner

 

backnang.online: 
KI nimmt in unserer Welt einen immer festen Platz ein. Wie sehen Sie das Thema Sicherheit, Gefahren und den richtigen gesellschaftlichen Umgang damit?

Fabian Kühfuß‘: 
Das ist ein sehr weites Feld. Die Sprachmodelle (LLMs), über die wir heute sprechen, laufen auf enorm rechenintensiven Hochleistungsrechnern mit gigantischem Energie- und Wasserverbrauch. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir als Gesellschaft dringend darüber nachdenken müssen, wie wir in Zukunft damit umgehen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen – die Dinger sind in der Welt. Wir können sie aber auch nicht einfach unkontrolliert laufen lassen. Eine KI ist kein parkendes Auto, das stillsteht, solange niemand einsteigt. Es ist eine Vielzahl eigenständig agierender Systeme, die aufgrund ihrer Masse gar nicht lückenlos überwacht werden können. Daraus entstehen sowohl Chancen als auch massive Probleme. Wir müssen diese Debatte auf gesellschaftlicher Ebene führen.

backnang.online: 
Sie sprechen oft von einer notwendigen Ethik im Kontext von Maschinen.

Besucher bei dem Instruktor | © BJ. Lattner
Besucher bei dem Instruktor | © BJ. Lattner

 

Fabian Kühfuß‘: 
Richtig, aber wir brauchen keine Ethik für Maschinen, sondern eine Ethik mit Maschinen! Unsere bisherige gesellschaftliche Ethik und Gesetzgebung basieren auf dem Zusammenwirken von Subjekten (Menschen). Selbstagierende Maschinen sind jedoch Objekte. Und Objekte kommen in unserem Rechtssystem und unserer Ethik bisher gar nicht vor.

backnang.online: 
Zum Beispiel: Ein autonomes Fahrzeug fährt einen Menschen um – wer haftet dafür?

Fabian Kühfuß‘: 
Genau das ist die Frage, auf die es rechtlich noch keine abschließende Antwort gibt. Deshalb gibt es in Deutschland derzeit auch keine vollautonomen Fahrzeuge im Regelbetrieb auf den Straßen. Technisch wäre das längst möglich – viele Fahrzeuge könnten theoretisch schon auf Stufe 4 fahren. Aber solange die Haftungs- und Gerichtsfrage bei Unfällen ungeklärt ist, bleibt es rechtlich untersagt.

backnang.online: 
Die KI ist also omnipräsent, auch ohne physische Gestalt. Wie genau nutzen Sie die KI in Ihrer Kunst?

Fabian Kühfuß‘: 
Ich nutze KI hier vor allem zum Fantasieren und Halluzinieren. Das können diese Systeme extrem gut, weil sie kein echtes Verständnis von der Realität besitzen. Eine KI hat keine Sinneswahrnehmungen wie wir Menschen. Sie kann kognitiv sehr weit sein, aber sie kann von sich aus nicht herausfinden, wie die Welt wirklich ist. Sie kann keinen Sternenhimmel entdecken und keine Relativitätstheorie eigenständig entwickeln. Die einzige Rückmeldung zur Realität, die eine KI bekommt, sind wir Menschen.

backnang.online: 
Neben Backnang zeigen Sie ein weiteres Projekt in Böblingen. Worum geht es dort?

Fabian Kühfuß‘: 
Das ist ebenfalls eine Instanz des sogenannten „Instruktors“. In Böblingen läuft das KI-Modell lokal auf einem Rechner und wurde etwas anders trainiert. Sowohl in Backnang als auch in Böblingen konfrontiert der Instruktor die Besucher mit Handlungsanweisungen, die zwar physisch möglich sind, aber völlig absurd oder unlogisch erscheinen.

backnang.online: 
Eine Einladung zur Interaktion?

Fabian Kühfuß‘: 
Es ist eine kleine Insel der Absurdität. Im Alltag tun wir Dinge, weil wir sie tun müssen oder wollen. Aber Dinge einfach nur zu tun, damit sie getan wurden, sind wir nicht gewohnt. Es bietet den Besuchern eine spielerische Ausflucht aus einer oft zu ernsten Realität.

backnang.online: 
Eine Reise in die Illusion?

Fabian Kühfuß‘: 
Das beschreibt es sehr schön! Eine Reise in die Fantasie und Halluzination dieser Maschinen. Der Instruktor weiß zwar, dass er im Technikforum Backnang steht, hat aber keine Ahnung, was das in Wirklichkeit bedeutet. Er bringt Begriffe wild zusammen und spielt mit unserer Vorstellung von Realität.

backnang.online: 
Herr Kühfuß‘, was möchten Sie dem Publikum als persönliches Schlussstatement mit auf den Weg geben?

Fabian Kühfuß‘: 
Ich glaube, wir müssen wieder mehr Absurdität in unserer Realität zulassen. Wir müssen lernen, mit mehr Menschlichkeit miteinander umzugehen, weil wir sie derzeit dringender brauchen denn je. Und gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass uns die Realität im ganzen Fantasieren und Halluzinieren nicht überrennt.

backnang.online: 
Ein wunderbares Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!

Fabian Kühfuß‘: 
Vielen Dank! 

Über Fabian Kühfuß:
Fabian Kühfuß, geboren 1985 in Sindelfingen, ist ein freischaffender Medienkünstler und lebt und arbeitet in Stuttgart. Er studierte Bildende Kunst mit Schwerpunkt auf zeit- und computerbasierten Medien an der Freien Kunstakademie Baden-Württemberg. Seit 2011 arbeitet er freischaffend und realisiert Projekte an der Schnittstelle von Kunst, Technik und digitale Medien. Seine Arbeiten wurden mehrfach gefördert und ausgezeichnet, unter anderem beim Stuttgarter Filmwinter sowie dem „The Creative Länd Award“. Neben seiner künstlerischen Praxis ist Kühfuß auch an der Lehre und Vermittlung tätig.
Fabian Kühfuß ist Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg e. V. 
Quelle: About – Fabian Kühfuß

Redaktion backnang.online | BJ. Lattner

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