Interview mit Willy Härtner von dem Bündnis 90/die Grünen
Bündnis 90/die Grünen | Klimaschutz | Konsultierung | Zukunft
Wir von backnang.online führen unsere Interview-Serie mit allen Fraktions-Vorsitzenden des Gemeinderats weiter. Lesen Sie heute das Interview mit Willy Härtner vom Bündnis 90/die Grünen.
Wir sind heute hier im Feuerwehrhaus Backnang Süd in Backnang-Waldrems. Mir gegenüber sitzt Herr Härtner, Gemeinderat in Backnang von der Fraktion Bündnis 90/die Grünen.
backnang.online:
Herr Härtner, bitte stellen Sie sich vor.
Willy Härtner:
Mein Name ist Willy Härtner. Ich wohne in Backnang, bin 67 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Söhne. Meine Frau unterrichtet in der Juniorklasse an der Taus-Schule. In den Gemeinderat bin ich vor etwa 13 bis 14 Jahren als Nachrücker für Daniel Murchatidis gekommen. Von Beruf bin ich Ingenieur für Fertigungs- und Produktionstechnik sowie pensionierter Berufsschullehrer für Lüftungs-, Klima-, Umwelt- und Heizungstechnik in Stuttgart. Nach vielen Jahrzehnten des Pendelns habe ich meine Berufstätigkeit nun beendet. Ich hätte zwar gerne noch weitergemacht, aber die tägliche Fahrsituation Richtung Stuttgart hat einfach nur noch genervt.
backnang.online:
Seit wann gibt es das Bündnis 90/Die Grünen, und wofür steht die Partei hier im Backnanger Gemeinderat?
Willy Härtner:
Der Zusammenschluss mit Bündnis 90 fand 1990 statt, um der ostdeutschen Bürgerbewegung nach der Wiedervereinigung eine Stimme zu geben. Die Gründung der Grünen im Westen war Anfang der 1980er-Jahre. Mir sind die Themen aber ohnehin wichtiger als Jahreszahlen. Im Gemeinderat wollen wir den Umweltschutz in seiner ganzen Vielfalt in den Vordergrund stellen. Mir persönlich liegt die Klimaproblematik am Herzen. Beim Klimaschutz muss man über bauliche Maßnahmen und die Verkehrswende sprechen. Nach den letzten Hitzesommern müssen wir uns nun aber genauso stark auf das Thema Klimaanpassung fokussieren. Natürlich kommen im Rats-Alltag noch tausend andere städtische Themen hinzu, in die man sich eindenken muss.
backnang.online:
Wie halten Sie nach den Wahlen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern?
Willy Härtner:
Wir veranstalten regelmäßig Informationsstände und treffen uns jeden zweiten Freitag zu einem offenen Hock im AWO-Keller. Seit der letzten Wahl haben wir sehr viele neue Mitglieder dazugewonnen. Eine eigene Pressestelle haben wir nicht, da der Aufwand zu groß wäre. Neue Interessierte binden wir direkt über digitale Kanäle wie WhatsApp-Gruppen ein.
backnang.online:
Ratsunterlagen haben oft einen enormen Umfang – manchmal bis zu 300 Seiten. Wie bewältigen Sie diese Informationsflut?
Willy Härtner:
Wir arbeiten heute komplett digital über Tablets. Manchmal kommen die Unterlagen etwas zu knapp, weshalb wir immer wieder auf mindestens eine Woche Vorlauf pochen. Bei großem Umfang lese ich zuerst die Zusammenfassungen oder schaue mir Präsentationen an. Zu meinen Schwerpunkten suche ich mir gezielt die Details heraus und recherchiere bei Bedarf nach. Weil ich in fast allen Ausschüssen sitze, werden viele Themen mehrstufig aufbereitet. Besonders im Technischen Ausschuss hilft mir mein Ingenieurstudium enorm weiter.
backnang.online:
Wie bewerten Sie die Transparenz der Stadtverwaltung gegenüber dem Gemeinderat und der Bürgerschaft?
Willy Härtner:
Die Unterlagen für uns Gemeinderäte sind sehr gut aufbereitet. Dennoch muss man kritisch bleiben. Wenn man über 13 Jahre dabei ist, entwickelt man ein Gespür dafür, wo nachgehakt werden muss. Da hilft in den Sitzungen oft schon der Blick auf Mimik und Gestik. Für die Bürgerinnen und Bürger ist die Transparenz ebenfalls da – vorausgesetzt, sie kommen in die öffentlichen Sitzungen. Das passiert leider meist nur bei direkter persönlicher Betroffenheit. Die Berichterstattung über die Lokalpresse ist deshalb unverzichtbar. Von einem reinen städtischen Amtsblatt halte ich wenig, da wir eine kritische Presse brauchen, die der Verwaltung auch mal unbequeme Fragen stellt.
backnang.online:
Sprechen wir über Finanzen: Die Stadt muss sparen. Wie stehen Sie zu Anpassungen bei Gewerbe- und Grundsteuer?
Willy Härtner:
Eine Erhöhung der Gewerbesteuer wäre im Moment das völlig falsche Zeichen, da sich die Wirtschaft in unruhigem Fahrwasser befindet. Dank unseres vielfältigen Branchenmixes in Backnang bin ich aber überzeugt, dass die Unternehmen wieder Boden unter den Füßen gewinnen. Bei der Grundsteuer hingegen befürworte ich eine moderate Anhebung im Rahmen der nächsten Haushaltsberatungen. Viele Immobilienbesitzer haben von enormen Wertsteigerungen profitiert. Reine Einsparungen reichen nicht aus; wir als Gemeinderat benötigen Gestaltungsspielräume, um nicht nur Pflichtaufgaben abzuarbeiten.
backnang.online:
Vor einigen Jahren hat die Stadt Pforzheim ihre Wasserversorgung verkauft. Die Verwaltungen habe städtische GmbHs gegründet und damit ein Abschreibungsmodell gewählt was ihnen heute auf die Füße fallen kann, z. B. Freibad/Hallenbad. Bitte beurteilen Sie aus Ihrer Sicht meinen Kommentar?
Willy Härtner:
Einen Verkauf von Infrastruktur halte ich für völlig falsch. In Backnang haben wir massiv in eigene Wasser- Quellen investiert, ein Verkauf der Wasserversorgung war bei uns nie ein Thema. Unsere Stadtwerke als GmbH bieten eine gute Flexibilität. Dass die Gewinne zuletzt schwächelten, lag an den explodierten Gas-Einkaufspreisen nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, da der Aufsichtsrat korrekterweise auf Sicherheit statt Spekulation gesetzt hat. Wo wir strukturell Zeit verloren haben, ist beim Ausbau der Nahwärme. Hier müssen wir jetzt mit hohem finanziellen Aufwand nachsteuern.
backnang.online:
Welche Rolle spielen die Personalkosten beim Thema Sparen?
Willy Härtner:
Bei der Stadt arbeiten knapp 1.000 Beschäftigte. Pauschales Verwaltungs-Bashing ist falsch – dort arbeiten sehr viele engagierte Kräfte. Ein Einsparpotenzial sehe ich künftig aber in der schrittweisen Automatisierung und Digitalisierung im Verwaltungsbereich – vielleicht in einer Größenordnung von etwa 10 %. Auf keinen Fall sparen darf man jedoch am Bauhof, bei den Erzieherinnen oder beim Umweltschutz. Wenn der Winter einbricht oder Großveranstaltungen wie das Straßenfest muss aufgeräumt werden, dafür braucht es diese motivierte Mannschaft vor Ort.
backnang.online:
Wie sieht es bei den Sachkosten aus – beispielsweise durch einen zentralen Einkauf?
Willy Härtner:
Das muss man differenziert betrachten. An Grundschulen bei Stiften oder Kopien zu sparen, wäre pädagogisch falsch. Ein zentraler Einkauf macht bei Standardgütern wie Papier, Toner oder IT-Hardware absolut Sinn, aber Fachleute vor Ort – wie Lehrkräfte – brauchen Spielräume. Ein Positivbeispiel in Backnang: Die Stadt stellt eigene IT-Supportkräfte für die Schulen bereit. Das entlastet die Lehrkräfte enorm und sorgt dafür, dass die digitale Infrastruktur im Unterricht tatsächlich funktioniert.
backnang.online:
Wie definieren Sie den Unterschied zwischen der Stadt Backnang und der Stadtverwaltung?
Willy Härtner:
Die Stadt ist das große Ganze: die Bürgerinnen und Bürger, die Straßen, das Straßenfest, der Plattenwald, der Stadtturm und das Zusammenleben. Die Verwaltung ist der Apparat im Hintergrund, der dafür sorgt, dass alles funktioniert.
backnang.online:
Wie sieht nach Ihrer Meinung die Zukunft von Backnang aus?
Willy Härtner:
Wir befinden uns finanziell aktuell in einer schwierigen Phase und müssen bei einigen Investitionen vorübergehend auf die Handbremse treten. Aber Backnang hat enorm viel Potenzial und steht im Kern gut da. Wichtige Großprojekte wie der Hochwasserschutz sind weit vorangekommen. Ich bin sehr positiv gestimmt: Wenn Gemeinderat, Verwaltung und Bürgerschaft zusammenarbeiten, werden wir das „Schiff Backnang in ein gutes Fahrwasser steuern”.
Redaktion backnang.online | BJ. Lattner