Pfarrer Wolfgang Beck – Fronleichnam 2026 | © BJ. Lattner
Pfarrer Wolfgang Beck – Fronleichnam 2026 | © BJ. Lattner

Interview mit Pfarrer Wolfgang Beck von der katholischen Kirchengemeinde Backnang

Katholische Kirche |Glocken geläut | Toleranz | Künstliche Intelligenz

Wir sind heute hier vor dem katholischen Pfarramt in der Oberen Bahnhofstraße. Mir gegenüber sitzt Wolfgang Beck, Pfarrer der katholischen Kirche in Backnang. 

backnang.online: 
Herr Beck, bitte stellen Sie sich vor!

Pfarrer Wolfgang Beck

 

Wolfgang Beck: 
Mein Name ist Wolfgang Beck, geboren 1959 in Oberndorf am Neckar im Kreis Rottweil. Dort bin ich auch zur Schule gegangen. Studiert habe ich später in Tübingen sowie zwei Semester in Wien. Nach dem Priesterseminar und der Zeit als Diakon in Stuttgart-Hofen war ich als Vikar in Remseck (Hochberg Hochdorf Poppenweiler) und Waiblingen tätig. Danach wurde ich Pfarrer: Zehneinhalb Jahre war ich auf dem Heuberg (Böttingen, Königsheim, Mahlstetten), anschließend zwölfeinhalb Jahre in Herrenberg mit Jettingen Gäufelden Bondorf und jetzt seit elfeinhalb Jahren in Backnang mit Administratur in Winnenden, Schwaikheim und Leutenbach.

backnang.online: 
Wie kam es zu dem Wunsch, Pfarrer zu werden?

Wolfgang Beck: 
Kirche hat für mich schon immer dazugehört, ich habe mich dort stets beheimatet gefühlt. Ich bin in der katholischen Jugend aufgewachsen: KJG (Katholischen jungen Gemeinde e. V.), Ministrant und Ministranten-Leiter sowie Leiter einer Schönstatt-Gruppe. Ursprünglich habe ich zwischen Sozialpädagogik, der Übernahme der Konditorei meines Großvaters und dem Pfarrerberuf geschwankt. Ich habe mir Konditoreien und die Caritas in Stuttgart angeschaut. Mein Bruder hat damals bereits Theologie studiert, und als ich mit ihm in ein paar Vorlesungen reingeschnuppert habe, hat es mir gefallen. Nach der Bundeswehrzeit war ich ein Jahr am Ambrosianum, um Latein und Griechisch zu lernen. Die intensiven Diskussionen über theologische Fragestellungen haben mich fasziniert. Ich wollte etwas Gutes tun, mich positiv einbringen und spürbar etwas in der Welt bewegen. Ich wollte schlicht mehr, als nur gelebt zu haben.

Altar der Katholische St. Johannes Kirche in Backnang
Altar der Katholische St. Johannes Kirche in Backnang | © BJ. Lattner

backnang.online: 
Erzählen Sie uns von Ihrer Studienzeit in Tübingen. Sie waren am Theologischen Seminar?

Wolfgang Beck: 
Genauer gesagt im Wilhelmsstift. Dort war ich sieben Semester lang, ein Semester habe ich außerhalb gewohnt und zwei Auswärtssemester verbrachte ich in Wien.

Das Gespräch wurde von lautem Glockenläuten unterbrochen

Wolfgang Beck: 
Das ist typisch für mein Leben als Pfarrer: Durch die Nähe zum Bahnhof fährt ständig ein Krankenwagen oder die Eisenbahn vorbei, die Leute klopfen oder es klingelt an der Haustür. Es ist eben immer etwas los – das ist völlig normal.

Obere Bahnhofstraße Backnang | © BJ. Lattner

 

backnang.online: 
Sie haben mir eben erzählt, wie die Glocken von St. Johannes und der Stiftskirche in Backnang aufeinander abgestimmt sind. Können Sie das noch einmal erläutern?

Wolfgang Beck: 
Die Töne von Kirchenglocken werden üblicherweise aufeinander abgestimmt, damit sie innerhalb einer Stadt oder eines Ortes harmonisch zusammenklingen. 

backnang.online: 
Gibt es eigentlich noch das traditionelle Sonntags einläuten am Samstag um 16 Uhr noch?

Wolfgang Beck: 
Auf dem Dorf gibt es das vereinzelt noch um 16 Uhr, bei uns in der Stadt aber nicht mehr. Wir haben morgens kein Geläut mehr, sondern nur noch das Angelusgebet um 12:00 Uhr und um 18:00 Uhr. An der Christkönigskirche läuten die Glocken nur noch zu den Gottesdiensten. Das automatische Uhr-Schlagwerk haben wir dort bewusst ausgeschaltet, um die Nachbarschaft nicht zu stören. Die Zeiten, in denen die Menschen ihren Tag nach den Kirchenglocken ausgerichteten, ist einfach vorbei.

backnang.online: 
Wie stehen Sie zum Ruf des Muezzins? Wäre das auch etwas für unsere Kultur?

Wolfgang Beck: 
Unsere Kultur ist christlich geprägt, aber hier leben auch viele Muslime, die hier ihr Zuhause haben und das gleiche Recht auf ein gutes Leben besitzen. Für mich persönlich wäre ein Muezzin-Ruf in Backnang zwar gewöhnungsbedürftig, aber mir ist wichtig, dass alle Menschen hier gut leben können. Es braucht Toleranz.

backnang.online: 
Viele christliche Feste und Standorte bauen historisch auf heidnischen oder römischen Traditionen auf. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Beck: 
Das ist überhaupt kein Problem. Ob Kirchen auf früheren heidnischen Tempeln stehen oder Brauchtümer wie die Kräutersegnung übernommen wurden – ich finde es schön, wenn die Welt Zusammenhänge aufweist und Dinge miteinander verknüpft sind. Exklusivität ist kein Gradmesser für Wahrheit.

backnang.online: 
Wie beschreiben Sie das Verhältnis zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche?

Wolfgang Beck: 
Ich bin sehr dankbar für die ökumenische Bewegung. Der wesentliche Unterschied liegt im Kirchenverständnis: Die evangelische Kirche beruft sich auf „Sola Scriptura“ – allein die Heilige Schrift auf dem Altar zählt. Die katholische Kirche gründet sich auf die Bibel und die Tradition. Deshalb liegt im katholischen Altar auch ein kleines Reliquien-Grab, um zu zeigen: Wir feiern unseren Gottesdienst auf dem Fundament derer, die vor uns waren. Am Ende ist die äußere Form aber gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass Menschen mit Gott ins Gespräch kommen, Zuwendung erfahren und Hoffnung schöpfen.

Pfarrer Wolfgang Beck mit den Sternsingern | © BJ. Lattner

 

backnang.online: 
Blicken wir kurz auf Ihren Werdegang: Sie haben in Tübingen und Wien studiert. Wie ging es danach weiter?

Wolfgang Beck: 
Nach dem Studium in Tübingen und Wien folgte das Priesterseminar, die Zeit als Diakon und Vikar und schließlich 1987 die Priesterweihe in Weingarten.

backnang.online: 
Wie stehen Sie zu aktuellen Reformthemen wie der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare?

Wolfgang Beck: 
Ich respektiere gleichgeschlechtliche Paare vollkommen und würde sie auch segnen.

backnang.online: 
Und wie denken Sie über Frauen im Priesteramt?

Wolfgang Beck: 
Dass Frauen von den Weiheämtern ausgeschlossen sind, ist eine große Schwachstelle der katholischen Kirche. Ein guter Seelsorger zeichnet sich nicht durch sein Geschlecht aus, sondern durch sein Handeln, seine Haltung und sein Herz.

backnang.online: 
Wie stehen Sie zum Zölibat?

Wolfgang Beck: 
Ich bin dafür, Menschen möglichst viel Freiheit zu geben. Wer im Zölibat leben möchte, kann das tun, aber ich würde das Pflichtzölibat in dieser Form sofort abschaffen, wenn ich es könnte.

backnang.online: 
Wie betreiben Sie persönlich Ihre Öffentlichkeitsarbeit?

Wolfgang Beck: 
Ich bin von der alten Schule: Ich brauche Papier in der Hand, lese gedruckte Zeitungen und Bücher. Wenn ich einen Online-Artikel lesen muss, drucke ich ihn mir aus. Ich schätze das Einfache und Authentische – ohne großen Show und Schnickschnack.

backnang.online: 
Unsere Gesellschaft wirkt oft zunehmend verroht und gespalten. Wie kann man dem entgegenwirken?

Wolfgang Beck: 
Der Schlüssel ist das echte, analoge Gespräch. Wir müssen Räume schaffen, in denen Menschen wieder zusammenkommen. Weder das Internet noch Künstliche Intelligenz können das persönliche Gespräch ersetzen. Ein Bekannter im Altersheim unterhält sich täglich mit einer KI, die Einsamkeit ist eine Gefährdung. Aber KI kann den Menschen dann doch nicht ersetzen.

backnang.online: 
Nutzen Sie Künstliche Intelligenz zum Schreiben Ihrer Predigten?

Wolfgang Beck: 
Nein, auf keinen Fall! Meine Predigten entstehen handschriftlich auf Papier durch Nachdenken und Fachliteratur. Der Computer dient mir allenfalls zum Nachschlagen von Fakten.

backnang.online: 
Wie viele Gesetze braucht eine Gesellschaft aus Ihrer Sicht?

Wolfgang Beck: 
Am besten gar keine! Natürlich geht das in der Realität nicht, aber Jesus hat es auf den Punkt gebracht: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn alle Menschen danach leben könnten, bräuchte man im Grunde keine weiteren Regelungen mehr.

backnang.online: 
Was bedeutet Ihnen die Stadt Backnang?

Wolfgang Beck: 
Ich lebe und arbeite gerne hier. Nach nun elfeinhalb Jahren kenne ich viele Menschen und fühle mich sehr wohl. Mir gefällt die Lebendigkeit rund um die Bahnhofstraße und die Nähe zur Innenstadt. Man begegnet hier aber auch viel Armut, und ich bin froh, wenn ich Menschen in Not konkret helfen kann.

backnang.online: 
Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche?

Wolfgang Beck: 
Kirche wird es immer geben, davon bin ich tief überzeugt. Aber ihre äußere Form und ihre Strukturen werden sich stark verändern müssen. Wir brauchen kleinere, überschaubare Gemeinschaften, mehr echten Dialog und den Mut, Vielfalt zuzulassen.

backnang.online: 
Herr Beck, herzlichen Dank für das Gespräch!

Wolfgang Beck: 
Sehr gerne! 

Redaktion backnang.online | BJ. Lattner

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