Technikfolgenabschätzung und Hochwasserschutz an der Murr
Ziele | Zielkonflikte | Handlungsoptionen – Teil 1
Ausgangssituation
Das komplexe und mit systemischen Risiken verbundene grenze überschreiten des o wie regime- und sektorübergreifende globale Phänomen des Klimawandels gilt immer noch als unterbewertet. Angesichts des hohen Handlungsbedarfs und sich gegenseitig weiter verstärken der Wirkungsketten (Tipping-Points) wird die nur vermeintliche Beherrschbarkeit der nicht linearen Wachstumsideologie gegenüber den natürlichen Kreislaufsystemen offenkundig. Hierbei werden gleicher maßen individuelle wie auch kollektive Dimensionen von globalen und räumlich begrenzten Emanzipationsbestrebungen bedeutsam, in dem am Beispiel des Hochwasserschutzes politische Urteilsbildungsprozesse aufgezeigt sowie rationale und emotionale Aspekte von Mündigkeit als emanzipatorische Krisenerfahrungen virulent werden. Hier für kann als symptomatisches Allmende-Problem die Ober- und Unterliegerproblematik an Fließgewässern stehen.
Hier können etwaige Nutzungseinschränkungen von Oberliegern bzw. deren nachhaltig-ökologische Gewässerbewirtschaftung durch Gewinnung von Retentionsräumen den Unterliegern als „Trittbrettfahrer“ zu Gute kommen, die im Regelfall auch wieder Oberlieger von unterliegen den Gemeinden sind. Dadurch kann eine Kette von weitreichenden Nutzungsbeschränkungen ausgelöst werden, wo bei sich die Planung von Hochwasserschutzmaßnahmen im Prinzip am Status Quo der Belastungen und Gefährdungen ausrichtet. Auf politikdidaktischer Ebene können dabei Interventionen in Form von Simulationen (Planspielen) einen Beitrag zur Vermittlung dieser Thematik leisten. Gerade durch die Methode der Technikfolgenabschätzung und der Spieltheorie können Folgen von menschlichen Eingriffen in Wasserkreisläufe simulativ abgeschätzt werden. Entscheidungssituationen werden konstruiert, aus den enrationale Verhaltensmuster in Konfliktsituationen abgeleitet werden können. In diesem Kontext können die Folgewirkungen zwischen Klimawandel, Hochwasserereignissen sowie Hochwasserschutzmaßnahmen aufgezeigt werden.
Die Fallstudie zeigt die Ergebnisse einer standardisierten Experten- und Bürgerbefragung zur Umsetzung der EU-Hochwasserrisikomanagementrichtlinie an der Murr auf, einem kleinen Fluss mit hohem Hochwasserrisiko in Baden-Württemberg. Die Untersuchung zeigt, dass das Hochwasserrisikomanagement der EU als eine zentrale Herausforderung der Folgen der Klimakrise zu betrachten ist, die föderale Struktur in Deutschland jedoch negative Auswirkungen fürderen Umsetzung bei Flüssen mit hohem Hochwasserrisiko aufweist. Weiter wird aufgezeigt, dass ein ökologisch-nachhaltiges Wasserressourcenmanagement in urbanen Bereichen sowie eine damit verbundenen nachhaltige Stadtplanung oft im Gegensatz zu wirtschaftlichen Interessen stehen. Hier favorisiert die Technikfolgenabschätzung durch das Korrektiv des Vorsorge- und Verursacherprinzips sowie daraus ableitbarer Prognosen einen natürlichen Hochwasserschutz durch Wasserrückhaltung in der Landschaft.
Der Beitrag favorisiert die Renaturierung von Flusseinzugsgebieten anstelle eines rein technischen Hochwasserschutzes, um Gewässern mehr Raum zugeben. Dies kann nicht ohne Verfahrensbeteiligung der Bürgerschaft bzw. zivilgesellschaftlicher Organisationen erfolgen, denen sich auch kommunale und staatliche Umweltverwaltungen als lernende Institutionen stellen müssen.
Quelle: Prof. Dr. habil Andreas Brunold
Redaktion backnang.online