Ein Eisenbahnunglück bei Oppenweiler im Jahr 1901
Vor 125 Jahren in Oppenweiler – Teil 15
Am 18. Januar 1901 kam es zwischen dem Bahnhof Oppenweiler und Aichelbach zu einem Eisenbahnunglück. Der Schnellzug 139/118 aus Nürnberg, der Crailsheim um 18.26 Uhr verlassen hatte, sollte den Bahnhof Oppenweiler kurz vor 20 Uhr ohne Halt auf dem Durchgangsgleis durchfahren. Der aus Backnang kommende Güterzug 1223, der bis Murrhardt auch einen Personenwagen mit sich führte, sollte dazu auf das Ausweichgleis überwechseln. Das tat er auch. Allerdings waren dessen letzte Waggons noch auf dem Hauptgleis, als der Schnellzug den Bahnhof durchfuhr. Da es schon dunkel war, hatte der diensthabende Bahnbeamte nicht gesehen, dass die hintersten Waggons des Güterzugs noch auf dem Hauptgleis waren, und signalisierte dem Lokomotivführer des Schnellzugs freie Fahrt. Der erkannte dann zwar die Situation, schaffte es aber nicht mehr den Schnellzug so weit abzubremsen, dass die Kollision hätte vermieden werden können. So erwischte die Lokomotive – es handelte sich um das ab 1899 in der Maschinenfabrik Esslingen gebaute Modell AD der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen mit markantem Verbindungsrohr zwischen den beiden Dampfdomen – die letzten Waggons des Güterzugs und entgleiste mit den vorderen Rädern. Der eine Waggon des Güterzugs wurde rechts, der andere links den Bahndamm hinabgeschleudert. Ein dritter Waggon blieb vorn an der Lokomotive hängen und wurde von dieser mitgeschleift. „Von diesen drei Wagen sind fast nur noch die zusammengeknickten Gestelle zu sehen, während die Holzwände in tausend Splittern herumliegen.“ So war in der in Stuttgart erscheinenden Tageszeitung „Schwäbischer Merkur“ am nächsten Tag zu lesen. Weiter wurde berichtet: „Von dem Schnellzug sind außer der Lokomotive nur der Gepäckwagen, von dem ein Teil der Seitenwand eingedrückt ist, beschädigt, während bei den Personenwagen nur noch einige Fenster zertrümmert wurden.“ Glücklicherweise war der Personenwagen des Güterzugs wohl vorn angehängt. Man mag sich nicht ausdenken, was geschehen wäre, hätten sich in den zerstörten Waggons Reisende befunden.
Am nächsten Tag berichtete die in Backnang erscheinende Zeitung „Der Murrthal-Bote“: „Die Unglücksstätte macht beim Fackelscheine einen schauerlichen Eindruck. Untersuchung ist eingeleitet. Wie wir hörten, soll das Hauptgleis für den Schnellzug freigegeben gewesen sein, ehe der Güterzug ganz eingefahren war.“ Die in Stuttgart erscheinende Tageszeitung „Schwäbischer Merkur“ befasste sich auch mit dem Unglück: „Außerdem erhielt ein Reisender des Schnellzugs eine ernstere Verletzung des Kopfes durch die Splitter einer Fensterscheibe. Verschiedene andere Reisende trugen Prellungen und Schürfungen davon.“ Der Schwäbische Merkur bemängelte, dass der Schnellzug kein Verbandszeug mit sich führte. Wie es für die Reisenden weiterging, erfährt man ebenfalls: „Erste Hilfe war von der Station rasch zur Stelle, und ein Hilfszug von Backnang traf auch schon nach ½ Stunde ein, so daß die Reisenden nur mit 1 ½ stünd. Verspätung in Stuttgart eintrafen.“
Am 22. Januar 1901 veröffentlichte der Murrthal-Bote einen ausführlichen Bericht über den Verlauf des Unglücks: „Der auch einen Personenwagen führende lange Güterzug war eben von Backnang her auf das Nebengeleise eingefahren, befand sich aber noch mit 5 oder 6 Wagen auf dem Hauptgeleise, als der von Crailsheim kommende, die Station Oppenweiler ohne Aufenthalt durchfahrende Schnellzug daherbrauste. Der für den erkrankten Stationsvorsteher dienstthuende Beamte, ein noch junger Mann, der vorher noch nie im äußeren dienst verwendet gewesen war und sich erst seit zwei Tagen in Oppenweiler befand, kannte sich in den eigentümlichen Verhältnissen der Station noch nicht aus. Er konnte auch von seinem Standpunkt aus, da die Nacht sehr dunkel und die Beleuchtung mangelhaft war, nicht wohl erkennen, ob der Güterzug schon vollständig auf dem Nebengeleise stund, verstand vielleicht auch das Signal des betreffenden Wagenführers falsch und gab dem Schnellzug die Einfahrt frei. Der Führer des letzten erkannte die drohende Gefahr erst unmittelbar vor den in seinem Geleise stehenden Wagen, gab sofort Rückdampf und setzte die Bremsen in Tätigkeit, konnte aber den Zusammenstoß nicht mehr verhindern und fuhr dem Güterzug in die Seite. Der Anprall war fürchterlich: der erst Güterwagen wurde durchschnitten – Eisenteile bohrten sich in die Vorderräder der Lokomotive ein –, die nächsten Wagen wurden durcheinandergeschoben und zu beiden Seiten des Fahrdamms hinuntergeschleudert. Bei zwei Wagen sind die Holzteile in tausend Stücke zersplittert, die Räder, Treppen, Puffer und andere Eisenteile abgeschlagen oder zusammengeknickt (sogar Achsen mit immerhin 12 Centimeter Durchmesser brachen vollständig entzwei); drei andere Wagen wurden von den Gestellen weggerissen ec. Zum Glück entgleiste die Schnellzugslokomotive nicht und kam nach etwa 100 Meter auf dem ziemlich unversehrt gebliebenen Hauptgeleise zum Stehen. Ein wahres Wunder ist’s, daß das Personal der beiden Züge – einen Hilfswärter ausgenommen – nicht zu Schaden kam; dieser auf dem letzten Güterwagen stehend flog, als sein Wagen in eine Mulde hinuntergeschleudert wurde, in einem großen Bogen auf das Ackerfeld und trug nur einen Beinbruch davon. Von besonderem Glück kann auch der seines Amts waltende Weichenwärter sprechen: ein Wagen schob sich in gewaltigem Ruck über den vor Entsetzen starr gewordenen Mann hinweg, ohne ihn zu verletzen. Die in dem Personenwagen des Güterzugs sitzenden Fahrgäste verspürten kaum einen Stoß; auch die Passagiere des Schnellzugs kamen – von einigen ganz leichten Verletzungen abgesehen – mit der gewaltigen Erschütterung und dem Schrecken davon.“
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Redaktion backnang.online | Klaus J. Loderer